Ich habe George Orwells „1984“ nie in der Schule gelesen. Und auch danach nicht. Für Ersteres habe ich keine Erklärung. Für Letzteres schon. „1984“ hatte für mich immer den Beigeschmack einer Schullektüre, die damals eben an mir vorbeiging. Da ich mich in letzter Zeit jedoch immer mehr für Science-Fiction interessiere, beschloss ich, über meinen Schatten zu springen.

Nor einmal vorweg: Natürlich ist „1984“ hauptsächlich für seine ausgefeilte Sozialkritik bekannt. Darauf möchte ich in meinen Gedanken über das Buch allerdings nicht seitenlang eingehen. Schließlich haben darüber bereits andere sehr viel geschrieben.
George Orwell selbst soll „1984“ als Satire bezeichnet haben
Eines ist „1984“ allerdings definitiv nicht. Und das ist subtil. Alles, was die Innere Partei dem gemeinen Fußvolk überlässt, ist verwahrlost, speckig, minderwertig. Vom Gin bis zum Kaffee, vom Brot bis zum Tabak. Und ganz unten gibt es natürlich noch die „Proles“, die noch dreckiger dran sind. Gelegentlich meint man, eine Art Anti-Kommunismus-Propaganda zu lesen. Bis man sich wieder erinnert, wie nahe wir an manchen Orten der Erde den Zuständen in „1984“ waren und sind.
Das alles sorgt jedoch dafür, dass der Roman eines der besten ersten Kapitel zu bieten hat, die ich je gelesen habe. Alles ist so beklemmend, dass einem fast der Atem wegbleibt. Und gleichzeitig durch geschickte Erzählkniffe so spannend, dass man einfach weiterlesen muss. Und das, obwohl „1984“ laut dem Autor eigentlich eine Satire ist, wenn man dem Internet Glauben schenken darf. Nicht schlecht, Herr Specht!
Eine epische Dystopie mit nur 311 Seiten?
Als ich eine Verschnaufpause brauchte, fiel mir zum ersten Mal richtig auf, dass meine Ausgabe von „1984“ nur etwas über 300 Seiten hat. Dann vergaß ich es wieder, weil mich die Handlung dermaßen fesselte.
Schließlich erfährt man, dass der Protagonist Winston Smith das System hinter „Big Brother“ innerlich ablehnt und sich dagegen auflehnen will. Man erfährt, dass er auf Verbündete trifft, die dasselbe Ziel haben. Wie die gutaussehende Julia, mit der Smith ein kurzes Techtelmechtel eingeht. Man kann es kaum erwarten, zu lesen, wie der Protagonist eine ordentliche Revolte gegen die unmenschlichen Methoden der Partei anzettelt.
Dann gibt es ein paar Längen in der Handlung. Dann beschreibt der Roman seitenlang die Hintergrundgeschichte der Welt, in der „1984“ spielt. Das wird durch den literarischen Kniff in die Handlung eingewoben, dass der Protagonist Zugriff auf ein verbotenes Buch mit verbotenem Wissen erhält.
Die Rebellion gegen „Big Brother“ wird abgeblasen, bevor sie beginnt
Dann merkt man, dass das Buch schon zu einem Drittel vorbei ist. Man denkt sich, dass die erhoffte Rebellion jetzt aber recht schnell über die Bühne gehen muss. Und dann – hat man umsonst gehofft. Einer von Winstons angeblichen Verbündeten ist ein verdeckter Ermittler der Partei. Winston wird gefangen genommen und soll zu einem vorbildlichen Parteimitglied umerzogen werden.
Der dritte Teil von „1984“ scheint nicht an die ersten beiden heranzukommen
Der Rest des Buchs (der dritte und letzte Teil) besteht aus Winstons Umerziehung durch verschiedene Foltermethoden des „Ministeriums der Liebe“. Das ist zwar auf den ersten Blick ziemlich drastisch, zog mich allerdings nicht mehr so in den Bann wie die ersten beiden Teile des Romans.
Vielleicht, weil ich abgestumpft und aus einigen vergleichbaren Storys Krasseres gewöhnt bin. Vielleicht, weil sich das alles nicht mehr so mysteriös und ausgefeilt liest wie der erste und zweite Teil. Was in Winston vorgeht, kommt ab jetzt nur noch diffus beim Leser an. Ob die psychologische Folter der Partei Wirkung zeigt oder ob Winston blufft, bleibt meistens unklar. Und irgendwie kümmerte es mich beim Lesen auch immer weniger.
Selbst der gefürchtete „Raum 101“ war nicht das ultimative Horrorerlebnis, auf das ich mich insgeheim gefreut hatte. Zudem war der Spuk – wie so vieles gegen Ende von „1984“ – auch recht schnell vorbei. Am Ende erfahren wir, dass Winston jetzt erfolgreich umerzogen wurde.
Ist „1984“ ein halbfertiges Werk?
„1984“ erschien im Juni 1949. Nur rund ein halbes Jahr später starb Orwell. Auf den einschlägigen Websites liest man, dass sich George Orwells Gesundheitszustand während der Arbeit an „1984“ stark verschlechterte. Und auch, dass er mit dem Buch nicht unbedingt zufrieden war. Dass er sich selbst vorgenommen hatte, eine Dystopie wie Huxleys „Brave New World“ abzuliefern. Und dass er darunter litt, dass er sich damit in eine Ecke geschrieben hatte.
Ich werde das einmal als Begründung akzeptieren, weshalb „1984“ spitzenmäßig anfängt, nach zwei Dritteln seine mysteriöse Coolness verliert und dann gefühlt zu früh endet. Man fragt sich, wie gut der Roman geworden wäre, wenn der Anfang 1950 verstorbene Orwell noch ein paar Monate gehabt hätte, um daran zu feilen – schon schade.
Was sagt ihr? Wie hat euch „1984“ gefallen? Und gibt es Klassiker, bei denen ihr euch insgesamt wünscht, dass sie länger wären?
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