
Ich gebe es zu: Ich liebe klassische Computer- und Videospiele. In meinem Roman „Herr Kühne macht blau“ konnte ich es mir nicht verkneifen, auf die Regenschirm-Power-ups aus dem Spielhallenklassiker „Bubble Bobble“ anzuspielen. Im Spiel kann man damit drei, fünf oder gleich sieben Level überspringen. Wozu sie bei Herrn Kühne gut sind, könnt ihr einfach nachlesen.
Fan-Fiktion über klassische Computer- und Videospiele, die dennoch die Kurve kriegt
Aber zurück zu „Ready Player One“. Der Entstehungsprozess von Ernest Clines Science-Fiction-Roman kommt mir folgendermaßen vor: Wie viele Anspielungen auf klassische Titel von Adventure über Joust und Black Tiger bis hin zu Zork lassen sich in einem Buch unterbringen, das ein Mainstream-Verlag veröffentlichen würde?
Der Kniff, mit dem Autor Ernest Cline das gelingt, verdient definitiv einen Highscore in puncto Kreativität. In naher Zukunft geht es mit der Erde und der Menschheit steil bergab. Die meisten Menschen verbringen deswegen den Großteil ihres Lebens in der virtuellen Welt OASIS. James Halliday, der exzentrische Erfinder von OASIS, stirbt und hinterlässt eine Videobotschaft. Wer drei in den tiefsten Tiefen der virtuellen Welt schlummernde Rätsel löst, erhält Hallidays milliardenschweres Erbe und die komplette Kontrolle über OASIS.
„Ready Player One“ ist ein Let’s Play mit 1980er-Nostalgie zum Mitlesen
Dazu kommt, dass OASIS einem gigantischen Online-Rollenspiel ähnelt. Und dazu kommt, dass Halliday ein obsessiver Spielefan war, in den 1980er Jahren aufwuchs und als Teenager rund um die Uhr Adventure, Zork und weitere Klassiker spielte. Dass der Großteil von Hallidays Rätseln moderne Nachbildungen klassischer Computer- und Videospiele aus den 1980ern beinhaltet, ist somit nicht verwunderlich. All das liest sich natürlich etwas konstruiert, ergibt aber eine originelle Prämisse. Diese wird zudem durch den Autor spannend genug weitergeführt, um zum Weiterlesen zu animieren.
Zu Beginn des Romans erfährt der Leser, dass es fünf Jahre lang niemandem gelungen ist, auch nur eines von Hallidays obskuren Rätseln zu lösen. Und welche Überraschung: Zu Beginn des Romans erweist sich Wade Owen Watts, der Protagonist von „Ready Player One“, als großer Glückspilz. Ihm gelingt, was bisher noch niemandem gelungen ist. Durch einen Geistesblitz findet er in der OASIS-Region, in der sich seine virtuelle Highschool befindet, den Ort der ersten Aufgabe und löst sie.
Mal wieder ein durchschnittlicher Teenager als Auserwählter
Warum das so ist, liefert das Buch keine Erklärung. Ein Genie ist Wade jedenfalls nicht, sondern nur ein sehr normaler Teenager – darauf weist „Ready Player One“ immer wieder hin, wohl um dem Leser die Identifikation zu erleichtern.
Was „Chosen One“-Storys betrifft, ist diese Ausgangslage also nicht unbedingt ein Geniestreich. Und dennoch funktioniert „Ready Player One“. Und das hauptsächlich durch die fantasievolle Art und Weise, mit der Ernest Cline eine Art Videospiel zum Mitlesen gelungen ist. Und das angesiedelt in einer retro-futuristischen Welt, die immer für Überraschungen und nette Nerd-Nostalgiemomente sorgt.
Dazu geht es nicht nur um Hallidays herausfordernde drei Aufgaben. Darüber hinaus gibt es auch immer wieder die eine andere überraschende Wendung, teils auch in der echten Welt. Der „Twist“ mit Wades bestem Freund Aech gefiel mir dabei besonders gut.
Nicht ganz so gelungen sind dagegen die Story-Wendungen, die Wades Leben in der echten Welt betreffen. Sie scheinen ihm durch die Bank nicht so nahe zu gehen, wie sie es eigentlich sollten – und so geht es dem Leser bald ähnlich. Zudem sieht man Wade für meinen Geschmack ein wenig zu oft scheinbar ins Verderben laufen, nur um später zu erfahren, dass er bereits vorausgeplant hat.
Auch der Gedanke, dass sich die Menschheit mehr um die ausgebeutete Erde kümmern könnte, anstatt ihr Leben größtenteils in virtuellen Welten zu verbringen, kommt schließlich auf. Aber wie die meisten gesellschaftskritischen Themen in „Ready Player One“ kommt er insgesamt etwas zu kurz.
Fantasievoll und kreativ genug für eine Leseempfehlung
Klar, ein wenig trashig ist „Ready Player One“ schon. Und ob Nicht-Nerds viel daraus ziehen können, wage ich zu bezweifeln. Dennoch halte ich den Roman für alle Fans klassischer Computer- und Videospiele für lesenswert. Mein Geheimtipp zum Thema, der Roman „Extraleben“ von Constantin Gilies, ist jedoch meiner Meinung nach definitiv das bessere Buch.
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