
Vom Unverhofften, das eben oft kommt
Es ist einige Jahrzehnte und einige Umwege her: Dass es Ray Bradburys bekanntestes Werk gibt, weiß ich aus einer winzigen Anspielung in jeweils drei Computerspielen aus den 1990er Jahren. Genauer sagt geht es um die Kritikerlieblinge „System Shock“ (Looking Glass Technologies, 1994), „System Shock 2“ (Irrational Games, 1999) und „Deus Ex“ (Ion Storm, 2000). In allen drei Spielen, die übrigens allesamt klasse sind, ist die Kombination der ersten passwortgeschützten Tür die Zahl 451.
Ich weiß nicht mehr genau, wann und wo ich erfahren habe, welche Anspielung sich hinter dieser geheimnisvollen Zahl verbirgt. Aber es klang spannend: Ein Science-Fiction-Roman namens „Fahrenheit 451“, von dem ich noch nie gehört hatte, wie interessant! Ob ich sofort losgelaufen bin, um das Buch zu kaufen? Leider nein, denn mit Science Fiction hatte ich damals nicht viel am Hut. Das hat sich inzwischen zum Glück geändert.
Ich gebe auch zu, dass ich damals ein martialisches Cyberpunkt-Epos erwartet hatte. In allen drei erwähnten Spielen, in denen man zu Beginn das Passwort „451“ eingeben muss, wird zwar viel Hirnschmalz gefordert, aber auch viel geballert. Als ich mir Bradburys Roman Jahrzehnte später – das heißt, vor ein paar Wochen – endlich zulegte, stand eines fest: Ich hätte nicht falscher liegen können. „Fahrenheit 451“ erwies sich praktisch als das komplette Gegenteil. Und: Das Buch über brennende Bücher hat sich mit Leichtigkeit einen Platz auf meiner persönlichen Favoritenliste verdient.
Feuerwehrmänner als Bücherverbrenner und Brandstifter
In einer unbestimmten Zukunft sind Feuerwehrmänner nicht mehr dafür zuständig, Brände zu löschen. Stattdessen sind sie professionelle Bücherverbrenner. Das spiegelt sich direkt im Titel des Romans wider: 451 Fahrenheit (ca. 232 Grad Celsius) ist die Temperatur, bei der Papier – angeblich – von selbst Feuer fängt. In der Welt von „Fahrenheit 451“ sind Bücher verboten. Wer damit erwischt wird, muss mit einem Besuch der gefürchteten Brandstifter-Feuerwehr rechnen – und damit, dass sein ganzes Haus in Flammen aufgeht.
In vielen Interpretationen liest man, dass das so ist, weil in der Welt von „Fahrenheit 451“ auch das selbständige Denken verboten ist. Und das ist wiederum so, weil politische Kräfte befürchten, dass Bücher selbständiges Denken fördern. Im Roman selbst wird es jedoch nie direkt so formuliert. Stattdessen ist Bradbury subtiler. Lesen ist sinnlos, heißt es stattdessen. Keine der beschriebenen Figuren soll je gelebt haben. Dazu soll die Gefahr bestehen, dass Lesen in den Wahnsinn treibt.
Bücher waren gestern – von oben verordneter Spaß ist heute
Die Regierung möchte stattdessen, dass sich die Bürger amüsieren – am besten rund um die Uhr. Das Buch ist als Medium komplett von Radio und Fernsehen abgelöst worden. Letzteres findet nicht mehr auf einem Bildschirm statt, sondern wird an die Wohnzimmerwände projiziert. Davon abgesehen – und von dem gelegentlich auftauchenden Hunderoboter – sind die klassischen Science-Fiction-Elemente in „Fahrenheit 451“ allerdings eher subtil.
Für den Protagonisten Guy Montag, ist all das die normalste Sache der Welt. Bis ihm die 16-jährige Clarisse über den Weg läuft, die neu in der Nachbarschaft ist. Durch ihre gleichzeitig kindlich naive und weise Art wird Montag schnell bewusst, wie seltsam seine bücherverbrennende Gesellschaft doch eigentlich ist.
Schließlich erfährt der Leser, dass Montag aus Faszination für das verbotene Medium seit geraumer Zeit eine ganze Büchersammlung im Lüftungsschacht seines Hauses versteckt. Und es kommt, wie es kommen muss: Montag beginnt zu lesen. Er verfällt dem Bann der Bücher und bringt sich damit in große Gefahr.
„Fahrenheit 451“ bietet eine Wortgewalt und Fantasie, die umhaut
Mehr möchte ich nicht verraten. Nur so viel: „Fahrenheit 451“ gehört definitiv zu den besten Büchern, die ich je gelesen habe. Und das liegt vor allem an Ray Bradburys erzählerischem Talent. Was von der Prämisse her zunächst wie eine nette Science-Fiction-Kuriosität wirkt, katapultiert sich durch seine wirklich beeindruckende Umsetzung in den Literaturolymp.
Unter anderem ist „Fahrenheit 451“ eines der Bücher mit der höchsten Dichte an einfallsreichen Vergleichen und Metaphern, die mir je begegnet sind. Erwartungsgemäß gibt es etliche Vergleiche, die die Feuer-Thematik aufgreifen. Die verbrannten Seiten werden erst zu weißen Tauben und dann zu schwarzen Schmetterlingen. Dazu haben sie rote und gelbe Federn.
Jedoch dreht sich Bradburys Wortzauberei nicht nur um das titelgebende Feuer. Denn das wäre ehrlich gesagt auch ein wenig langweilig. Plötzlich ist ein Gesicht wie eine schneebedeckte Insel. Dann gibt es Feuerwehrmänner, die so leise laufen wie Spinnen. Dann wirken die Freundinnen von Montags Frau Millie wie ein monströser Kristallkronleuchter. Dann wird eine Stadt nach einem Raketenangriff zu einem Haufen Backpulver.
Die Sprache von „Fahrenheit 451“ drückt aus, wie Protagonist Montag zunehmend seine Zurechnungsfähigkeit verliert
Um Tempo zu erzeugen oder obsessive Gedanken zu beschreiben, wird Bradbury auch mit dem Sprachrhythmus kreativ oder spielt mit Wortwiederholungen. Die Kluft zwischen Montag und seiner Frau Millie wird auf den ersten Seiten mit Landschaftsmetaphern beschrieben. Das ist gewagt, aber es funktioniert – und liest sich einfach klasse. Fast auf jeder Seite gibt es etwas Neues, Ungewöhnliches zu entdecken. Das Ergebnis ist ehrlich gesagt absolut beeindruckend und ein echter Trip.
Machen Bücher wirklich verrückt?
Zugegeben, es würde nicht zu jedem Buch passen, wenn sich der Autor derart austobt. Allerdings gibt es hier einen handfesten Story-Grund dafür: Montag wirkt schon zu Beginn der Handlung nicht wie der mental stabilste Protagonist. Und sobald er Matthew Arnold oder die Bibel zu lesen beginnt, scheint sich sein Verstand in eine regelrechte Abwärtsspirale zu geraten.
Fast möchte man Montags Vorgesetzten und seiner Frau glauben: So wie Montag sich verhält, scheinen Bücher in der Welt von „Fahrenheit 451“ tatsächlich verrückt zu machen. Und da kann einem das Wohnzimmer ohne Fernseher wie ein toter Ozean vorkommen, der zum Leben erwacht, sobald man die elektrische Sonne einschaltet. Oder man kann von einer Fahrt mit der U-Bahn an den Rand des Wahnsinns gebracht werden.
Oder man kann die Freundinnen seiner Frau anpöbeln und ihnen verraten, dass man illegale Bücher besitzt. Und das ist nichts zu den weiteren haarsträubenden Entscheidungen, die der verwirrte und aufgewühlte Montag gegen Ende trifft.
Auch das Ende von „Fahrenheit 451“ ist absolut gelungen
Zum Glück fängt sich Montag gegen Ende des Romans wieder – und „Fahrenheit 451“ endet mit einer überraschend positiven Perspektive für Montag und seine Mitmenschen. Doch wie so oft muss es erst schlimmer werden, bevor es besser werden kann.
Alles in allem ist „Fahrenheit 451“ ein echter Geniestreich und bekommt von mir eine absolute Leseempfehlung – auch für erklärte Science-Fiction-Hasser! Auffällig ist zudem, dass der Roman recht kurz ausgefallen ist. Und während ich vor nicht allzu langer Zeit noch den etwas dürftigen Umfang von Orwells „1984“ bemängelt habe, vermisst man bei Ray Bradburys bekanntestem Werk nichts, sobald Montags Geschichte nach etwa 200 Seiten endet.
Der Roman scheint nichts Wichtiges auszulassen, es bleiben kaum Fragen offen und man liest die letzte Seite mit dem Gefühl, dass in der Welt von „Fahrenheit 451“ vorerst alles gesagt und getan ist.
Bradburys bekanntester Roman verdient seinen Kultstatus zu 1000 Prozent
Längen in der Handlung gibt es keine, keine Seite in „Fahrenheit 451“ wirkt überflüssig. „Fahrenheit 451“ ist durch seine überbordende Kreativität ein so dichtes Leseerlebnis, dass einem manchmal 10 Seiten vorkommen wie 100 in anderen Büchern – und das meine ich im positivsten Sinne.
Mir fällt tatsächlich nichts ein, was ich an diesem Science-Fiction-Klassiker bemängeln könnte. Nur: Wer es nicht so gerne abgefahren mag, sollte erst probelesen.
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