Johannes liest: „Die Mars-Chroniken“ von Ray Bradbury

„Die Mars-Chroniken“ bietet auf den ersten Blick klassische Science-Fiction-Hausmannskost. Doch wer dranbleibt, wird mit etlichen tollen Momenten und viel Kreativität belohnt.

Johannes liest: „Die Mars-Chroniken“ von Ray Bradbury

Mit dem zweiten Buch ist das so eine Sache. Oder genauer gesagt, mit dem zweiten Buch eines Autors, den man gerade erst entdeckt hat. Zuerst liest man meistens sein bekanntestes Buch. Gefällt es einem, liest man das zweitbekannteste – und vertraut dabei auf Bestenlisten, die man sich aus dem Internet zieht. Eigentlich ganz einfach.

Was die populärsten Bücher von Ray Bradbury betrifft, heißt das am häufigsten an zweiter Stelle gelistete Werk „The Martian Chronicles“. Der deutsche Titel ist „Die Mars-Chroniken“.

Warum mich „Die Mars-Chroniken“ an „der Dunkle Schirm“ von Philip K. Dick erinnert

Weil es in diesem Blog um meine persönliche Leseerfahrung geht, muss ich an dieser Stelle eine Brücke zu Philip K. Dick schlagen. Das bekannteste Buch des Science-Fiction-Meisters ist „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“, auf dem auch der Kultfilm „Blade Runner“ basiert. Und es ist definitiv eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe.

Philip K. Dicks zweitbekanntester Roman ist laut Internet „A Scanner Darkly“, auf Deutsch „Der dunkle Schirm“. Dieser wurde 2006 mit Keanu Reeves in der Hauptrolle und einem computergenerierten Digicomic-Stil verfilmt. Ich habe mir dann flugs das Buch besorgt und den Film, dessen Optik mir nicht lag, unangetastet gelassen.

„Der dunkle Schirm“ ist eine Art Kriminalroman über einen Polizisten einer speziellen Drogeneinheit mit eher wenigen Sci-Fi-Elementen. Und der Twist gegen Ende war für mich so vorhersehbar, dass ich fast die Lust verlor, weiterzulesen. Mit meiner Begeisterung für Philip K. Dick war es dann vorerst vorbei.

Ich hatte schon befürchtet, dass mit Ray Bradbury dasselbe auf mich warten würde – schließlich bekam auch „Die Mars-Chroniken“ in den Achtzigerjahren eine Art Verfilmung. Aber zum Glück hat mich der zweitbekannteste Roman von Ray Bradbury bei der zweiten Chance doch überzeugt.

In „Die Mars-Chroniken“ ist auf den ersten Blick exakt das drin, was draufsteht

Zu Beginn bietet „Die Mars-Chroniken“ mehr oder minder Standard-Science-Fiction-Kost. Es geht um mehrere irdische Mars-Missionen, die kurz nach der Ankunft scheitern. Schuld daran sind die vordergründig friedlichen, hintergründig aggressiven Marsianer. Diese haben typische Alien-Fähigkeiten wie Telepathie und Autosuggestion. Das war, soweit ich informiert bin, auch 1950 schon Standard. Und wer hat’s erfunden? Offenbar H. G. Wells in seinem Roman „Krieg der Welten“ von 1898.

Auch der Schreibstil ist schlichter und sachlicher als in „Fahrenheit 451“. Die Kreativität, die Bradbury in seinem bekanntesten Roman zur Schau stellt, sucht man ebenso – zuerst – vergeblich. Zugegeben, die Handlung ist spannend. Aber das gewisse Etwas schien zu fehlen. Ich wollte das Buch schon aus der Hand legen. Ich beschloss jedoch, durchzuhalten.

Dranbleiben, es lohnt sich!

Wer dasselbe tut wie ich, erfährt, dass die gescheiterten drei Mars-Missionen nur als Vorgeschichte fungieren. Interessant wird es, sobald Bradbury die Besiedlung des roten Planeten durch Erdlinge schildert.

Da stellt sich heraus, dass der Großteil der Bevölkerung des Mars seit der dritten Mars-Mission an Windpocken gestorben ist. Da stößt ein Erdling auf einen aus der Zeit gefallenen Marsianer. Da baut ein Fan von Edgar Allan Poe ein Spukhaus auf dem Mars und bringt dabei ein paar unbequeme Leute um die Ecke. Zudem nimmt Ray Bradbury das „Smart Home“ vorweg und beschreibt geradezu genüsslich, wie ein verlassenes Exemplar davon Feuer fängt und zu einem Häuflein Asche niederbrennt.

Ab dem Mittelteil sprüht „Die Mars-Chroniken“ vor originellen, teils verrückten Ideen

Und das Kapitel, in dem die geknechtete schwarze Bevölkerung der Südstaaten auf den Mars aufbricht, ist einfach unglaublich lustig. Vor allem, weil ihre Unterdrücker jetzt richtig dumm dastehen. Sie müssen ihre Sklavenarbeit jetzt nämlich selbst machen.

Wie sich inzwischen höchstwahrscheinlich angedeutet hat, ist „Die Mars-Chroniken“ kein Roman. Vielmehr besteht Ray Bradburys zweitbekanntestes Werk aus einer Ansammlung von Kurzgeschichten mit unterschiedlichen Hauptfiguren. Diese sind jedoch Teil einer übergreifenden Handlung – in diesem Fall über die Kolonisierung des Mars. In der Fachsprache nennt man dieses Konzept einen Fix-up-Roman. Ja, ich gebe es offen zu, bis heute wusste ich das auch nicht.

Lesenswert? Ja, aber!

Besonders gut gefiel mir auch, wie das Buch gegen Ende wieder den Bogen zurück zum Anfang spannt. „Die Mars-Chroniken“ bekommt somit einen Anklang eines echten Epos. Aber wie Bradbury das hinbekommt, müsst ihr schon selbst lesen.

Alles in allem hat mir „Die Mars-Chroniken“ sehr gut gefallen, obwohl der „Fix-up-Roman“ ein wenig braucht, bis er seine Stärken voll ausspielt. Für Science-Fiction-Fans bekommt das Buch eine definitive Empfehlung von mir, alle anderen sollten probelesen. Blutige Bradbury-Anfänger sind dagegen mit „Fahrenheit 451“ besser bedient.

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