Johannes liest: „Gelb“ / „Vurt“ von Jeff Noon

Lange Listen der angeblich besten Science-Fiction-Romane aller Zeiten gibt es im Internet zuhauf. Ich gebe zu, dass ich „Gelb“ von Jeff Noon nur gekauft habe, weil ich es auf einer ebendieser Listen gefunden habe. Bin ich froh darüber? Auf jeden Fall. Ist „Gelb“ perfekt? Sicher nicht, aber welches Buch ist das schon?

Johannes liest: „Gelb“ / „Vurt“ von Jeff Noon

Kommen wir zur ersten bohrenden Frage: Worum geht es in diesem für seine Exzentrik berüchtigten Science-Fiction-Roman? Das ist überraschenderweise fast leicht zu erklären: Es geht um die „Stash Riders“: Scribble – eigentlich Stephen –, The Beetle, Bridget und Mandy. Passend zu Scribbles Namen (to scribble heißt auf Deutsch kritzeln, schnell notieren) übernimmt dieser die Rolle des Erzählers. Die vier Twentysomethings fristen ihr Dasein in einer dystopischen Zukunftsvision von Manchester, in der Drogenkonsum, Kriminalität und Gewalt den Alltag bestimmen.

Das Leben der „Stash Riders“ dreht sich um die Designerdroge „Vurt“, vermutlich abgeleitet vom englischen Wort „Virtual“. Die physische Form der Droge besteht aus bunten Federn. Werden diese eingenommen, entsteht eine kollektive Halluzination, ein kollektiver Trip. Der Fundus aus möglichen Vurt-Erlebnissen ist vielfältig und reicht von Action und Gewalt bis hin zu irrwitzigen Orgien. Eben all das, worauf Halbstarke in futuristischen Dystopien so abzufahren scheinen.

„Gelb“ ist ein buchgewordener Cyber-Drogentrip

Es gibt verschiedene Kategorien von Vurt-Federn, die durch sechs Farben symbolisiert werden – creme, blau, silber, rosa, schwarz, gelb. Blaue Federn sind legal und lösen harmlose, traumartige Halluzinationen aus. Rosa Federn sind Pornovurts. Nicht zu spaßen ist mit gelben Federn, denn wer in einem gelben Vurt nicht auf sich achtgibt, kann sogar sterben. Das erklärt wohl den auf den ersten Blick seltsamen deutschen Titel. Der 1993 erschienene Roman heißt im englischen Original schlicht „Vurt“.

Nachdem das Szenario grob umrissen ist, wird es ein wenig schwieriger, die Handlung von „Vurt“ wiederzugeben. Ursprünglich waren die „Stash Riders“ zu fünft. Doch kürzlich kam ihnen ein Mitglied abhanden, und zwar Scribbles Schwester Desdemona.

Die Rahmenhandlung von „Gelb“ ist eine Art Cyber-Geiselnahme

Es stellt sich heraus, dass bei einem Trip in einem besonders seltenen, gelben Vurt etwas schiefgelaufen ist. Seitdem ist Desdemona in seiner virtuellen Welt gefangen. Gemäß den Gesetzen der mysteriösen Cyberdroge hat Scribble einen Austausch für seine von der Vurt-Welt verschlungene Schwester erhalten – ein bizarres unförmiges Alien, das eine seltsame Alien-Sprache spricht.

Nachdem Scribble mehr über die Gesetzmäßigkeiten von Vurt erfahren hat, weiß er, was er zu tun hat, um Desdemona wiederzusehen. Er muss eine weitere, seltene gelbe Feder finden und das Alien zum Austausch in die darin einprogrammierte Halluzination bringen. Da kommt es zu einem Angriff einer verfeindeten Gang und Mandy und das Alien verschwinden spurlos …

Analoger Cyberpunk? Geht das?

In einigen Rezensionen wird „Gelb“ mit William Gibsons „Neuromancer“ verglichen. Dass ich derselben Meinung bin, kann ich nicht unbedingt sagen. Natürlich geht es in beiden Romanen um synthetische Designerdrogen und die Auswirkungen virtueller Welten auf den menschlichen Körper. „Vurt“ verzichtet jedoch auf die genretypische Ausrichtung auf Technologie und die üblichen Cyber-Gadgets als wichtige Elemente der Handlung.

Vurt-Federn werden nicht etwa in futuristische Cyberdecks eingelegt, sondern entfalten ihre Wirkung, indem sie wie ein Medikament eingenommen werden. Hinweise auf den technischen Hintergrund der kollektiven Halluzinationen, aus denen „Vurt“-Trips bestehen, erhält der Leser praktisch nicht. Immerhin wird verraten, dass „Vurts“ menschengemacht sind. Zum Bearbeiten der auf den Federn gespeicherten Trips kommen dabei bizarre Traumschlangen zum Einsatz.

Ist das schon Retro-Futurismus? Oder vielleicht eine Art Analog-Cyberpunk? Gäbe es in der Welt von „Gelb“ nicht Cyborgs und Cybercops, könnte man sagen, dass dem Roman das „Cyber“ im „Cyberpunk“ praktisch fehlt.

Wer abgefahrenen Lesestoff mag, wird „Gelb“ lieben

Dann tauchen plötzlich Roboterhunde auf und schließlich bizarre Mischwesen aus Hund und Mensch. Dann sind die Protagonisten in einem Stadtteil aus zerbrochenem Glas unterwegs. Dann treffen die „Stash Riders“ auf ein Paar, dessen „Droidlocks“ als Zeichen der Verbundenheit miteinander verwachsen sind. Dann ist Scribble plötzlich DJ auf einem Rave für Hunde-Menschenwesen – und der Leser begreift spätestens jetzt, dass der Fundus des Romans an skurrilen Ideen schier unerschöpflich ist.

Macht das alles „Gelb“ auch zum Pageturner, den man einfach an einem Abend durchlesen muss? Darüber kann man, wie ich finde, diskutieren. Eigentlich ist die Prämisse des Romans eine klassische Entführungsstory – und Entführungsstorys sind bekanntermaßen von Natur aus spannend. Allerdings feuert das kreative Hirn von Jeff Noon in „Gelb“ so konsequent aus allen Rohren, dass Scribbles Suche nach Desdemona zeitweise unterzugehen scheint.

Hat „Gelb“ mehr Stil als Substanz?

Dazu weiß der Leser nach einigen Kapiteln praktisch nicht mehr, was Realität ist und was Drogentrip. Und somit kann er auch kaum noch sagen, was echte Konsequenzen für Scribble und seine Kumpane hat und was nicht. Das führt so weit, dass der Leser vor allem in der zweiten Hälfte des Romans auch problemlos ein Dutzend Seiten überspringen kann, ohne zentrale Punkte der Handlung zu versäumen.

Was „Gelb“ dagegen im Übermaß hat, ist Stil. Skurrile Situationen, skurrile – und zum Teil ziemlich geniale – Bilder und Szenerien, skurrile Metaphern und Vergleiche. Zeitweise fällt es auch leicht, sich von dem Ideenfeuerwerk des Romans mitreißen und fesseln zu lassen und über seine handlungstechnischen Schwächen hinwegzusehen.

Mit am beeindruckendsten fand ich die Beschreibung von „Bottle Town“, einem mit Glasscherben übersäten Stadtteil des dystopischen Manchester. Probleme hatte ich allerdings mit einem gewissen – ähem – Aspekt der Beziehung zwischen Scribble und seiner Schwester Desdemona. Wer Lust hat, „Gelb“ selbst zu lesen, wird schnell erkennen, was gemeint ist.

Obwohl „Gelb“ / „Vurt“ vor Kreativität trieft und gekonnt geschrieben ist, muss sich der Roman den Vorwurf gefallen lassen, ein Musterbeispiel für style over substance zu sein. Dazu wirken einige der Schockmomente des Romans für meinen Geschmack ein wenig zu kalkuliert und auf maximale Außenwirkung ausgerichtet. Und ob „Gelb“ mit seinen fantastischen Cybertrips wirklich eine so tiefgründige Darstellung von Drogenabhängigkeit ist, wie manche Rezensenten behaupten, wage ich zu bezweifeln. Trotzdem ist „Gelb“ definitiv lesenswert, aber absolut nichts für Traditionalisten und schwache Nerven.

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