
„Alles klar, hier geht es um Heroin, um Junkies in New York“ – diese Schlussfolgerung drängt sich schon nach den ersten Sätzen auf. Zuerst bedient sich der Autor dabei der Sichtweise des schwulen Junkies Will Lee, der auf der Flucht vor der Polizei ist. Dann werden die Perspektiven munter durchgewechselt, teilweise nur nach wenigen Zeilen. Wer erzählt, wird vor dem Perspektivwechsel immer – zumindest in meiner Ausgabe – in kursiver Schrift rechtsbündig genannt. Zu ihnen gehören „Der Vigilante“, „das Landei“, „Joselito“ und der mysteriöse Dr. Benway, der überwiegend Drogensüchtige und Homosexuelle behandelt.
„Naked Lunch“ bietet zu Beginn schon harten Tobak – und kann nicht aufhören, nachzulegen
Nach wenigen Seiten zeigt „Naked Lunch“ dann sein wahres Gesicht – und beginnt, eine Regel nach der anderen zu brechen. So wird der Leser etwa eine konventionelle chronologische Handlung vergeblich suchen. Stattdessen besteht „Naked Lunch“ größtenteils aus Denkbildern, scheinbar zusammenhangslosen Handlungsfetzen und sogar theaterstückartigen Passagen mit dem übergreifenden Thema Drogen, Sex und Gewalt.
Immerhin gibt es eine grundlegende Rahmenhandlung. Diese besteht daraus, dass Will aus New York flieht und zusammen mit seinen Junkie-Kumpanen durch die USA reist. Später besucht er Mexiko und die fiktiven Orte Freeland und Interzone – worauf seine Probleme erst recht beginnen. Dann konsumiert Will die berüchtigte Droge Yage – und hat einen wahren Horrortrip.
… und dann sind da die Orgienszenen
Manche der Fragmente, aus denen „Naked Lunch“ besteht, sind dabei nicht nur verrückt, sondern auch ziemlich widerlich. Das zeigt sich spätestens, sobald die zahlreichen bizarren Orgienszenen ihren Lauf nehmen, deren Teilnehmer mit Vorliebe ihre Gedärme entleeren und morden. Und oft sogar beides gleichzeitig. Kurz nach seiner Veröffentlichung sorgte „Naked Lunch“ wenig überraschend für etliche Skandale und sogar für einige Gerichtsverfahren im prüden „God’s Own Country“.
Allerdings hat „Naked Lunch“ dazu auch geradezu überbordende Kreativität zu bieten. Da gibt es gigantische Tausendfüßler, aus deren Fleisch Drogen gewonnen werden. Da gibt es Mugwumps, Monster, deren erigierter Penis eine Substanz ausscheidet, von der man unsterblich wird. Da gibt es vier Faktionen, die in der „Interzone“ um die Vorherrschaft kämpfen – unter anderem die „Verflüssiger“, die ihre Mitmenschen absorbieren wollen und die telepathischen „Übermittler“, die sich auf subtile und nicht so subtile Gehirnwäsche spezialisiert haben.
„Naked Lunch“ ist ein buchgewordener Entzugstrip
In der Fassung, die ich über eBay ergattert habe, sind glücklicherweise auch ein paar Sekundärtexte abgedruckt. Darunter befinden sich auch ein paar Briefe und Statements des Autors selbst. Laut eigenen Angaben kämpfte Burroughs 30 Jahre mit der Heroinsucht und war 12 Jahre durchgängig abhängig. Sein Ziel für „Naked Lunch“ war es, die Erfahrung des Heroinentzugs in ein Buch zu verwandeln – das Resultat wird deswegen auch generell als semi-autobiografisch beschrieben.
Zugegeben: Mit diesem Vorwissen liest man „Naked Lunch“ schon mit anderen Augen. Laut Burroughs sind einige der bizarren Halluzinationen, die ihn während seiner Entziehungskur plagten, und einige der bizarren Verhaltensweisen seiner Junkie-Freunde direkt in „Naked Lunch“ eingeflossen.
„Naked Lunch“ ist zusätzlich auch ein Nicht-Science-Fiction-Roman
Interessanterweise wird der berühmt-berüchtigte Nicht-Roman generell dem Science-Fiction-Genre zugeordnet – und mag auch hier nicht recht in die Genre-Schublade passen. Aber zugegeben: Elemente einer Dystopie kann man „Naked Lunch“ durchaus zuschreiben; synthetische Drogen, Telepathie und Gehirnwäsche sind schließlich klassische Elemente des Genres. Der futuristischste Aspekt von „Naked Lunch“ war für mich definitiv die Beschreibung des riesigen Gebäudes „Zone“ in der Interzone mit seinen Wänden aus einer Art organischem Material. Hiervon hätte ich mir definitiv mehr gewünscht.
Das ist alles schön und gut. Aber macht das alles „Naked Lunch“ auch heute noch lesenswert? Die Antwort ist ein klares Jein. Trotz seines Alters ist dieser Roman, der keiner sein will, immer noch nichts für schwache Nerven. Und auch Hartgesottene, die konventionelle Spannungsbögen erwarten, werden „Naked Lunch“ schnell zur Seite legen. Wer sich aber darauf einlässt und akzeptiert, seitenlang nur Bahnhof zu verstehen, der findet hier ein bizarres Ideenfeuerwerk, das man anderswo nicht finden wird. Mein Fazit: Für hartgesottene Leser, die eine Herausforderung suchen, durchaus empfehlenswert.
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