
„Die Stadt und die Stadt“ besticht sofort mit einem originellen Setting
Der Science-Fiction-Roman spielt in den fiktiven Städten Besźel und Ul Qoma. Beide Städte sind „Zwillingsstädte“. Das geht so weit, dass sie sich geografisch gesehen denselben Raum teilen. Die Bürger sind jedoch verpflichtet, Besźel und Ul Qoma als getrennte Städte wahrzunehmen – die jeweils andere Stadt und ihre Bewohner müssen durch „Nicht-Sehen“ und „Nicht-Hören“ konsequent ignoriert werden. Wer dies nicht tut, macht sich der Grenzverletzung schuldig, die als schweres Verbrechen geahndet wird.
Diese Trennung geht so weit, dass sich beide Städte durch unterschiedliche Kleidungsstil und Architektur voneinander unterscheiden. Und nicht nur das: Besźel und Ul Qoma haben sogar unterschiedliche Sprachen und Religionen. Es gibt allerdings sogar Bereiche, in denen die Bewohner von Besźel und Ul Qoma nebeneinander leben, sich aber trotzdem ignorieren.
Die „Copula-Halle“ gehört zu sowohl Besźel als auch Ul Qoma und ist der einzige legale Grenzübergang. Überquert man diesen – was mit undenkbar viel bürokratischem Aufwand verbunden ist –, befindet man sich zwar noch am selben Ort, aber in der jeweils anderen Stadt.
Es wird einmal wieder gemordet
Dieses Setting klingt zwar originell, aber auch ein wenig esoterisch. Wie, um leicht davon abzulenken, beginnt der Roman allerdings sehr klassisch. Es wird einmal wieder jemand ermordet, und zwar eine junge Frau. Die Hauptfigur des Romans ist Tyador Borlú, Inspektor bei der Mordkommission, der den Fall aufklären soll. Es stellt sich heraus, dass die Tote eine ausländische Studentin ist, die sowohl in Besźel, sondern auch in der „Zwillingsstadt“ Ul Qoma in zwielichtige Aktivitäten verwickelt war. Höchstwahrscheinlich hat sie auch das schwere Verbrechen einer Grenzverletzung begangen. Dazu erfährt der Leser noch, dass es eine Art geheime, dritte Stadt geben soll.
Dennoch will trotz allem keine echte Spannung aufkommen. Auch die düstere Beschreibung der Umwelt im Hard-Boiled-Stil und die teils stimmungsvollen Szenen können dieses Manko nicht ausgleichen. Irgendwie scheint trotz allem keine echte Gefahr in der Luft zu schweben und nichts Großartiges auf dem Spiel zu stehen.
Das viele politische Hin- und her zwischen den beiden Zwillingsstädten wirkte auf mich nach ein paar Dutzend Seiten so abstrakt, dass ich kaum noch mit dem Protagonisten mitfiebern konnte. Dazu ist Borlú auch keine besonders interessante Hauptfigur: Er ist zwar zielstrebig und pflichtbewusst – aber irgendwie sonst nicht viel mehr.
Ein paar persönliche Dämonen hat er schon, doch diese werden nur am Rande erwähnt. Für eine zünftige Hard-Boiled-Atmosphäre eine verpasste Gelegenheit, wie ich finde. Auch die anderen Figuren des Romans sind eher blass ausgefallen und wollen nicht wirklich im Gedächtnis haften bleiben.
Lasst uns darüber reden, reden, reden
Wenn ich das größte Manko des Romans auf den Punkt bringen wollte: In „Die Stadt und die Stadt“ wird viel mehr geredet als gehandelt. Geredet wird zwischen Borlú und diversen Agenten. Zwischen Borlú und verschiedenen Ermittlern. Zwischen Borlú und diversen Zeugen. Zwischen Borlú und diversen Polizisten. Vor allem aber scheint der Roman aus endlosen Streitgesprächen zwischen Borlú und seinen direkten Kollegen und Vorgesetzten über Besźel und Ul Qoma zu bestehen.
Gestritten wird dabei vor allem über Borlús Methoden, über Grenzüberschreitungen und natürlich über die komplexen politischen und logistischen Abläufe in den beiden Zwillingsstädten. Und es hört einfach nicht auf.
Ein Mittelteil, der sich wie Kaugummi zieht
Ich habe mich ertappt, dass mir irgendwann recht gleichgültig war, genau weshalb die junge Frau sterben musste, was genau sie im Schilde führte und wer oder was dafür verantwortlich war. Irgendwann stellt sich beim Lesen das schleichende Gefühl ein, dass man ohnehin nie wirklich erfahren wird, warum die beiden auf höchst umständliche Art und Weise voneinander getrennten Zwillingsstädte so sind wie sie sind. Und natürlich, ob es die sagenumwobene dritte Stadt überhaupt gibt.
Zugegeben: Gegen Ende des Romans passiert tatsächlich etwas Unerwartetes und Borlú darf sich endlich ein wenig als Actionheld beweisen. Allerdings fällt diese Passage um einiges kürzer aus, als es der Roman eigentlich vertragen könnte. Kurz darauf geht es – wie könnte es anders sein – wieder um Grenzbrüche und komplexe politische Fragen rund um die beiden Zwillingsstädte.
Davon abgesehen hat „Die Stadt und die Stadt“ trotz seiner Genre-Bezeichnung auch nicht wirklich viel Science-Fiction zu bieten. Der geschilderte technische Stand scheint sich nicht großartig von dem Zeitpunkt des Erscheinens des Romans zu unterscheiden. Auch Aliens und futuristische Drogen werden Fans des Genres vergeblich suchen – schon ein wenig schade.
Gutes Setting, doch der Rest will nicht hundertprozentig überzeugen
Eine ehemalige Kollegin von mir schrieb von uns mit Abstand am meisten Rezensionen. Allerdings gab sie in einem schwachen Moment zu, dass sie meistens nur den Anfang und den Schluss las und ihre Rezensionen darauf aufbaute. Ich glaube „Die Stadt und die Stadt“ hätte ihr durchaus gefallen. Sowohl der Anfang als auch das Ende des Romans sind definitiv die stärksten Passagen. Dazwischen könnte man jedoch – zumindest meiner Meinung nach – problemlos rund 200 Seiten streichen, ohne sie großartig zu vermissen.
„Die Stadt und die Stadt“ hat somit ein gelungenes Setting und World Building und manchmal auch viel Atmosphäre auf der Habenseite. Abgesehen davon hätte der Roman definitiv noch etwas Zeit beim Lektor vertragen können. Empfehlen kann ich das Buch daher nur echten Hard-Boiled-Fans – oder Lesern, die kein Problem damit haben, auch mal ein paar Seiten zu überspringen.
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