BEI FLUGVERSPÄTUNG REINKARNATION

In unserem Viertel passt nichts zusammen. Man findet prächtige Altbauten, in die jeder sofort einziehen würde, neben stillgelegten Fabrikhallen und schäbigen Betonschachteln aus den 50er-Jahren.

Herr Kühne macht blau: BEI FLUGVERSPÄTUNG REINKARNATION
Von Johannes Schaack, 2023/2024

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Man findet graffitibeschmierte Tante-Emma-Läden neben grünen Wiesen voller Bäume und Büsche und gleich daneben die laute, vierspurige Verkehrsader in die Innenstadt. Und gleich daneben wieder Betonwüsten, wo es praktisch nichts gibt. Und dazwischen Hochhäuser, Schrebergärten und gleich daneben die verrosteten Bahngleise, und im Hintergrund immer der Fernsehturm, wo man sich immer fragt, ob er wirklich noch in Betrieb ist.

Geht man weiter stadtauswärts, entdeckt man auch eine Wohnsiedlung fast wie in einer Kleinstadt, wo fast jeder einen kleinen Park oder einen halben Bauernhof im Vorgarten hat. Ich bin zum ersten Mal auf sie gestoßen, als ich neben dem Einkaufszentrum aus rechts abgebogen bin. Und in zehn Minuten ist man von dort aus wieder bei uns vor der Haustür. Und dann gibt es natürlich noch den künstlichen Teich neben dem Kulturzentrum mit Schilf, rosa Seerosen und allem was dazugehört. Unsere jüngeren Nachbarn scheinen ihn jedoch am liebsten als Müllkippe zu missbrauchen. Und natürlich gibt es noch die beiden Grundschulen, im Abstand von höchstens 100 Metern voneinander. Hier werden während der Pausen beachtliche Dezibelwerte erreicht.

            „Und das ist alles?“, blaffte Petra und verließ mit wütenden Schritten das Wohnzimmer.

Herr Kühne beäugte einen Moment die Amaryllis neben seinem Computermonitor, die Petras Abgang in eine rhythmische, wippende Bewegung versetzt hatte. Er speicherte den Anfang seiner neuesten Kurzgeschichte über einen Hutmacher mit telepathischen Fähigkeiten in den hintersten Tiefen seiner Festplatte ab. Gerade eben noch war ihm danach gewesen, ihn zu löschen, doch er hatte sich im allerletzten Moment umentschieden. Er schaltete seinen Computer aus, setzte sich an sein elektrisches Klavier mit der geschmacklosen Holzverkleidung und begann, sich wieder mit seiner Lieblingstonleiter des Tages zu beschäftigen.

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Herr Kühne erinnerte sich noch lebhaft daran, wie ihn Christine eingeladen hatte, mit ihr eine Vorlesung über den Aufbau des Großhirns zu besuchen. Sie war eine seiner besseraussehenden Mitstudentinnen gewesen und es war ihm deswegen besonders schwergefallen, seinen üblichen Widerstand vorzutäuschen.

Der stoppelige Dozent mit dem Wollpullover hatte fast zwei Stunden darüber referiert, dass die linke Gehirnhälfte meistens die rationalen und die rechte Gehirnhälfte meistens die emotionalen Aufgaben übernahm. Christine hatte auf dem Weg zur Cafeteria darauf bestanden, dass die meisten Missverständnisse und Irrtümer im Alltag durch fehlende Abstimmung der beiden Hälften des Gehirns entstanden. Am schlimmsten war es ihrer Meinung nach, wenn sich die linke Hälfte in Situationen einmischte, bei denen es um spontane Entscheidungen ging. Und fast genauso fatal war es – so hatte sie ihm mit ihren verklärten, braunen Augen ins Gesicht gesagt –, wenn die rechte Hälfte ihrem Gegenstück bei der trockenen Analyse von Informationen zuvorkam.

            „Wusstest du schon, dass manche Babys ohne den Balken zwischen den beiden Gehirnhälften zur Welt kommen? Das nennt sich Balkenagenesie“, hatte sie einmal gesagt.

            „Nein, das wusste ich nicht. Was du alles weißt“, hatte Herr Kühne geantwortet.

Vergangene Woche hatte Herr Kühne sofort an Christine denken müssen, weil er das Phänomen, das sie damals so faszinierte, wohl am eigenen Leib erfahren hatte. Er war in der Mittagspause einen Augenblick überzeugt gewesen, dass er auf seinem Bildschirm

„BEI FLUGVERSPÄTUNG REINKARNATION“

gelesen hatte. Allem Anschein nach hatte er sich jedoch geirrt. In Wirklichkeit war er stattdessen auf einen Ratgeber für Flugreisende mit dem Titel

„BEI FLUGVERSPÄTUNG REKLAMATION“

gestoßen.

Er hatte sich selbst die Diagnose gestellt, dass seiner rechten – für emotionale Aufgaben zuständigen – Gehirnhälfte die Überschrift zuerst aufgefallen war. Allerdings hatte sie es wohl nicht rechtzeitig geschafft, mit seiner linken – für die rationale Verarbeitung von Informationen zuständigen – Gehirnhälfte darüber Rücksprache zu halten. Der Grund war womöglich gewesen, dass bereits ein anderes Körperorgan den Besprechungsraum gebucht hatte.

Das Missverständnis zwischen beiden Gehirnhälften mit dem Ergebnis, dass er sich verlesen hatte, war daher unausweichlich gewesen. Von dem Artikel selbst hatte er bestenfalls drei Zeilen überflogen. Anschließend war er auf einen Spaziergang zum Supermarkt und zurück aufgebrochen, um sich auf andere Gedanken zu bringen.

Trotz allem wollte ihm, was er ursprünglich nur aus den Augenwinkeln gelesen hatte, auch Tage später nicht aus dem Kopf gehen. Einerseits ließ sich nicht leugnen, wie absurd seine Eingebung gewesen war. Andererseits schien sie trotzdem die Hoffnung in ihm geweckt zu haben, dass sich mehr hinter ihr verbarg, als nur das belanglose Ergebnis eines Gehirnschluckaufs während einer faden Mittagspause.

Was feststand, war immerhin, dass

„BEI FLUGVERSPÄTUNG REINKARNATION“

keine Phrase war, die man sich jeden Tag zusammenspann.

Zuerst hatte er regelmäßig an sie denken müssen, wenn sich seine U-Bahn-Fahrt zum Büro trotz der wenigen Haltestellen wieder unerträglich in die Länge zog.

Als nächstes hatte seine unbeabsichtigte Schöpfung begonnen, ihn nachts heimzusuchen, wenn er wach lag, während Petra so tief und fest schlief, wie nur sie es konnte. Für gewöhnlich hatte sie sich dabei in eine gekrümmte Seitenlage begeben, in der sie aussah, als ob sie konzentriert ihr Kopfkissen inspizierte. Am zweithäufigsten lag sie kerzengerade auf dem Rücken, als habe sie einen Spazierstock verschluckt. Er gab sich in solchen Fällen meistens ein paar Augenblicke Zeit, um ihren immer gleichen Gesichtsausdruck mit locker heruntergeklappten Lidern, einer wenige Millimeter in Richtung Stirn gewanderten linken Augenbraue und einer zu einem dünnen Schrägstrich gekrümmten Mundpartie zu betrachten. Er deutete ihre Mimik im Schlaf meistens so, als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie sich im Traum über etwas entrüstete oder nur notdürftig ein spöttisches Lachen unterdrückte.

            „DU SIEHST SO BLÖDE AUS, WENN DU SCHLÄFST“

hätte er ihr in solchen Nächten liebend gerne ins Gesicht gesagt.

Doch seit kurzem ertappte er sich immer wieder dabei, dass in seinem Kopf sofort

„BEI FLUGVERSPÄTUNG REINKARNATION“

daraus wurde, wenn er sich nicht mehr beherrschen konnte.

Die Frage, welche der beiden Botschaften Petra mehr echauffierte, war ein weiterer Programmpunkt seiner nächtlichen Sitzungen. Allerdings hatten beide von ihnen die Voraussetzung gemeinsam, dass er eines Tages genügend Mut aufbringen musste, um den Mund zu öffnen.

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