
3
„Na, müde?“
„Nein, wie kommst du darauf? Meine rabenschwarzen Augenringe sind in Wirklichkeit nur aufgemalt. Mir war einfach danach, mich an Petras Schminkkasten zu vergreifen.“
„Ich habe mich nur gefragt, warum du gerade Miriams Ananasnektar in deinen Kaffee gießt, die Milch steht daneben“, feixte Mick. Er platzierte seine Tasse unter dem Auslauf und entlockte dem Kaffeeautomaten ein lautes Gurgeln, das zwischen den dunklen Computerbildschirmen und leeren Bürostühlen widerhallte und Herrn Kühnes verhaltenen Fluch übertönte.
„Du weißt hoffentlich, dass man es heutzutage Senile Bettflucht nennt, was du hier veranstaltest. Und wenn du es nicht wusstest, dann weißt du es jetzt“, sagte Mick. Er schnupperte vorsichtig an dem dunklen, dünnflüssigen Inhalt, der sich in seine Tasse ergossen hatte, und zog eine düstere Grimasse.
„Ich könnte trotzdem sehr gerne darauf verzichten, ganz egal, wie man es heutzutage nennt“, murrte Herr Kühne. Er goss sich eine neue Tasse Kaffee ein, nachdem der Inhalt der vorherigen im Ausguss verschwunden war.
„Was ich dir eigentlich sagen wollte“, begann Mick. „Die flexible Kernzeit in deiner Abteilung ist ja gut und schön. Aber wenn ich mir dich so anschaue – ich möchte mich ja wirklich in nichts einmischen, aber könnte es vielleicht sein, dass es zwischen dir und Petra …“
„Hör zu, ich weiß deine Anteilnahme zu schätzen.“ Herr Kühne ließ Mick seinen Satz nicht vollenden. Er widerstand der Versuchung, seine Kaffeetasse in einem Zug zu leeren und nahm sich stattdessen einen Apfel aus der Obstschüssel. „Aber wir verstehen uns so gut wie noch nie zuvor. Zugegeben, letzten Monat hätte ich dir noch etwas anderes gesagt“, fuhr er fort. „Aber Petra und ich haben unsere Probleme dann offen angesprochen und wir sind froh, dass wir es getan haben.“
„Das freut mich zu hören“, sagte Mick und griff sich einen großen Becher Joghurt aus dem Kühlschrank, den er kritisch musterte.
„Ich verstehe aber nicht, welches Honigkuchenland du dir vorstellst, in dem es nicht einmal die winzigsten Beziehungskrisen gibt. Ich weiß nicht, ob solche unrealistischen Erwartungen gut für dich sind“, fuhr Herr Kühne fort.
„Oh, vor dem ersten Kind ist noch alles möglich, glaube ich“, grinste Mick und zwang Herrn Kühnes Blick damit kurz in Richtung Fußboden.
„Eine Reinkarnation als Jonagold wäre vielleicht auch eine Lösung. Es müsste aber ein saftiger, reifer sein“, murmelte Herr Kühne zu sich selbst, während er den grünen, glänzenden Apfel von einer Hand in die andere beförderte.
„Wie meinen?“, fragte Mick, während er sich hochkonzentriert ein Früchtemüsli mit Haferflocken zusammenrührte.
„Vergiss es, ich habe nur laut gedacht.“ Herr Kühne wurde rot.
„Du kannst Petra ja endlich zur Weihnachtsfeier mitbringen“, schlug Mick vor.
„Ich … denke darüber nach“, brummte Herr Kühne.
„Oder noch viel besser: Eigentlich wollte ich mich heute bei dir beschweren, dass ich dich so lange nicht mehr in unserer Laufgruppe gesehen habe. Bring sie doch einfach mit. Wir sind auch Firmenfremden gegenüber aufgeschlossen“, fuhr Mick mit leuchtenden Augen fort.
Noch bevor Micks Worte in der winzigen Teeküche verklungen waren, spürte Herr Kühne, wie sich sämtliche Nackenhaare gleichzeitig aufstellten. Als er wieder klare Gedanken fassen konnte, stammelte er Mick einige wirre Halbsätze über Petras Hüftdysplasie vor und brach zu seinem Schreibtisch auf.
4
„Und das ist alles. Mehr kann ich dir nicht sagen, weil ich selbst nicht mehr weiß“, hauchte Herr Kühne mit niedergeschlagenen Augen und rührte in seinem schwarzen Tee.
„Mach dir keine Sorgen, ich versuche trotzdem, damit zu arbeiten“, witzelte Jörg und nahm einen weiteren Schluck aus seiner Tasse mit den roten, blauen und grünen Katzensilhouetten.
Eine Weile betrachteten die beiden nur das Hotel gegenüber und die Stadtausläufer vor dem Waldrand, die von Jörgs Balkonfenster aus zu sehen waren. Anschließend schienen es Jörg die zerklüfteten, durch den dunstigen Abendhimmel weichgezeichneten Häuserschluchten in Richtung Innenstadt angetan zu haben.
„Das gehört übrigens jetzt alles den Chinesen“, raunte er.
„Und das weißt du woher?“
„Von einem Chinesen natürlich.“ Er grinste.
„Oh, er muss es ja wissen“, entgegnete Herr Kühne. Er hatte eine Unebenheit im Porzellan seiner Tasse erspürt, die er mit Daumen und Zeigefinger bearbeitete.
„Aber Spaß beiseite.“ Jörg stellte seine leere Tasse auf den überladenen Couchtisch, den drei Stapel medizinischer Monatsschriften, eine große Schale in Silberpapier eingewickelte Karamellbonbons und mindestens ein Dutzend verschiedene Katzenspielzeuge bevölkerten. „Aber ich finde, du solltest bedenken, dass wir uns in erster Linie in eine Idee von einem Menschen verlieben, nicht in einen Menschen selbst.“
Er sah Herrn Kühne plötzlich ernst an.
„Das hast du schön gesagt – oder von irgendwoher abgekupfert“, knurrte Herr Kühne. Worauf du damit hinauswillst, weiß ich aber trotzdem nicht. Wenn ich mich recht entsinne, ist Petra sehr wohl ein Lebewesen aus Fleisch und Blut, und ich bilde sie mir nicht bloß ein.“
„Komm schon, du weißt genau, was ich meine, so begriffsstutzig bist du doch nun auch wieder nicht. Oder ist etwa die Zeit stehengeblieben, seitdem ihr euch kennengelernt habt? Nimm beispielsweise meinen Neffen. Als ich am meisten mit ihm zu tun hatte, hat er im Sandkasten die Sandförmchen der anderen Kinder in den Mund genommen und darauf herumgekaut. Jetzt arbeitet er in einer Rechtsschutzversicherung.“
„Hör zu, ich …“, begann Herr Kühne.
„Und genauso ist es geradezu ausgeschlossen, dass ihr euch nicht auch verändert habt“, unterbrach ihn Jörg. „Und manchmal geht das eben gut, und manchmal eben nicht, wenn es ums Zwischenmenschliche geht. Das ist die normalste Sache der Welt und jetzt den Dummen zu spielen, kannst du dir sparen. Sonst müsste ich mir nämlich die Meinung bilden, dass du selbst das nicht kannst“. Jörg grinste wieder.
Herr Kühne beobachtete zwei von Jörgs sieben orientalischen Kurzhaarkatzen, die im Zeitlupentempo seine riesige Stereoanlage erklommen.
„Sag mal, musstest du schon oft … auf einen Flug warten?“, fragte er leise.
„Na, darauf kannst du wetten. Zu meinen Glanzzeiten siebenmal pro Woche. Habe ich dir das noch nicht erzählt? Also, wenn du mit Petra verreisen willst, kann ich dir eigentlich nur empfehlen …“
„Sie hat furchtbare Flugangst, erinnerst du dich? Vergiss es einfach, ich habe bloß laut gedacht“, brummelte Herr Kühne.
„Das tust du mir in letzter Zeit ein wenig zu oft“, sagte Jörg.
„Ich arbeite daran“, sagte Herr Kühne leise. Es war inzwischen fast dunkel geworden und er betrachtete wie in einem Trancezustand die zitronengelb und tomatenrot flackernden Lichtstecknadelköpfe, die das Häuser- und Straßengewirr in nicht zu weiter Ferne überzogen. Nur hier flackerten sie so und nirgendwo sonst, fand Herr Kühne.
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