
5
Die Luft war schwer, den Boden bedeckte ein schäbiger Filzteppich und jede einzelne der Türen, die gelegentlich die Wände säumten, war fest verschlossen.
Entweder nach wenigen Augenblicken oder nach einer mittleren Ewigkeit überkam ihn das Gefühl, dass er sich im Kreis bewegte. Wenig später fiel ihm auf, dass sich zu dem Klang von brummenden und fauchenden Heizungsrohren, der bedrohlich in der Dunkelheit pulsierte, ein neues Geräusch gesellt hatte. Es erklang sachte in der Ferne und ähnelte am ehesten einem Flügel oder Spinett, auf dem jemand immer wieder dieselben Töne anschlug. Ohne es wirklich zu wollen, nahm sich Herr Kühne vor, mindestens drei zu dem seltsamen Klanggebilde passende Tonleitern zu bestimmen. Noch bevor er sich nur für eine einzige entschieden hatte, veranlasste eine aufheulende Polizeisirene sein Herz zu einem abenteuerlichen Satz und übertönte das neue Geräusch restlos. Als sich das ohrenbetäubend laute Warnsignal nicht verflüchtigten wollte, brach ihm der kalte Schweiß aus und er begann zu laufen. Kurz darauf erschien am linken Rand des endlosen Korridors eine sperrangelweit offene Tür, die in einen winzigen Abstellraum führte. Herr Kühne beschloss, die stockdunkle und mit Bürostühlen und Tischen vollgestopfte Kammer vorübergehend als Zufluchtsort zu benutzen. Es dauerte entweder nur ein paar Minuten oder mehrere Stunden, bis sich die Sirene wieder dorthin verzogen hatte, woher sie gekommen war.
Herr Kühne wagte sich zögerlich in das Ganglabyrinth zurück und traute seinen Augen nicht. Wo sich der Korridor eben noch ins Unendliche gewunden hatte, war aus dem Nichts eine Glastür aufgetaucht, die auffallend dem Eingang zu seinem Büro ähnelte. Herr Kühne fingerte mit zitternden Händen seinen Schlüsselbund hervor und stellte fest, dass sein Büroschlüssel passte. Als er das schwergängige Schloss aufgesperrt hatte, erklang eine dröhnende Stimme.
„WER BIST DU, EINDRINGLING? SAG DEINEN NAMEN!“, grollte sie. Die Stimme ließ dabei alle Handvoll Silben einen metallischen Schimmer aufblitzen, als habe sie jemand mit einem Synthesizer verfremdet.
Herr Kühne sagte seinen Namen und wunderte sich dabei ein wenig, dass er nicht wie Espenlaub zitterte.
„GUT. DANN TRITT EIN!“ donnerte es wieder.
Herr Kühne tat wie ihm geheißen und ließ sich von der Pforte verschlucken, die ihm so bekannt vorkam. Im Inneren sorgten schwächliche Neonröhren an der Decke für eine etwas bessere Sicht, doch die Arbeitsplätze an beiden Seiten des schmalen Flurs waren in völlige Dunkelheit gehüllt. Herr Kühne beschloss instinktiv, so schnell wie möglich der Teeküche einen Besuch abzustatten. Er kam jedoch nicht dazu, da ein bläuliches Flimmern links neben ihm seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Herr Kühne betätigte den winzigen Lichtschalter an der Wand. Vor ihm saß Mick vor seinem eingeschalteten Computer in seinen ergonomischen Sessel zurückgelehnt und schlief tief und fest. Sekunden später mischte sich die donnernde Gigantenstimme wieder ein und Herr Kühne wunderte sich für kurze Zeit darüber, wie wenig er sich darüber wunderte.
„ER SCHLÄFT. WENN DU SEINEN NAMEN SAGST, WACHT ER VIELLEICHT AUF.“
Herr Kühne sagte Micks Namen und sah mit an, wie er nur Sekunden später die Augen aufschlug und gähnte.
„Ach du bist es. Wer auch sonst, hätte ich mir ja denken können“, grummelte Mick und auch seine Stimme klang blechern und verhallt. „Warum hast du mich ausgerechnet jetzt geweckt? Ich hatte so einen schönen Traum. Aber vielleicht ist es ja auch besser so, werde ich eben etwas arbeiten. Aber sei so gut und lass mich jetzt in Frieden, sonst komme ich hier zu nichts, hörst du? Du solltest allerdings wirklich einen Blick in die Küche werfen. Du wirst schon sehen, warum. Also mach’s gut, wir sehen uns in ein paar Stunden!“
Mick drehte ihm den Rücken zu und löste sich in Luft auf. Herr Kühne nahm es hin, verfing sich um ein Haar in den rasiermesserscharfen Blättern des Drachenbaums neben Micks Schreibtisch und stolperte in den finsteren Flur zurück.
Er beschloss, so zu tun, wie ihm geheißen, und unternahm den Versuch, sich von seinem Instinkt durch das verzerrte Abbild seines Büros leiten zu lassen. In kurzer Zeit sah er dreimal den Kopierer und die Postablage gegenüber an sich vorbeiziehen und wunderte sich nur bedingt darüber, dass sie jedes Mal um ein Drittel ihrer Größe geschrumpft waren. Plötzlich beschlich Herrn Kühne das Gefühl, dass jemand hinter ihm stand und er vollführte eine akrobatische Körperdrehung. Anstatt eines Verfolgers blickte er jedoch auf die geschlossene Tür zur Teeküche, unter der ein rötlicher Schein hervorquoll.
Bevor er allerdings dazu kam, den Türknauf mit den Fingerspitzen zu berühren, entglitt er ihm. Die Barriere zwischen ihm und Micks vollmundigem Versprechen verflüchtigte sich in Richtung Himmel wie ein Theatervorhang und gab dabei ein mechanisches Rattern von sich. Was Herr Kühne als Nächstes wahrnahm, war der Anblick von Christiane aus der Buchhaltung, wie sie sich nackt in einem gigantischen Spülbecken räkelte. Herr Kühne spürte, wie er tomatenrot anlief. Christiane hatte ihn bereits gesehen. Sie lächelte und öffnete den Mund, um in Zeitlupe ihre vollen, sinnlichen Lippen zu bewegen. Er verstand sie aber nicht, da der geheimnisvolle Tastenquäler, den er inzwischen fast vergessen hatte, plötzlich mit einer ohrenbetäubenden Lautstärke seine Fingerübungen fortsetzte. Herr Kühne vermutete, dass er ihn fast gefunden hatte, ohne wirklich nach ihm gesucht zu haben. Er hielt sich die Ohren zu und warf einen Blick über die Schulter. Ihm gefror das Blut in den Adern, denn der Büroflur, der Kopierer und die Postablage waren verschwunden. Stattdessen saß dort Petra, die mit exaltierten Gebärden und entgleisten Gesichtszügen die Tasten eines weißen Konzertflügels zu Tode quälte. Sie bemerkte Herrn Kühne nicht sofort. Stattdessen entlockte sie ihrem Instrument noch einige schrille, furchteinflößende Klänge quer über die gesamte Klaviatur, bevor sie Herrn Kühne mit einem derangierten, strahlend weißen Lächeln in die Augen blickte.
„Da bist du ja, du hast dir wirklich Zeit gelassen“, grinste sie. „Schau her, ich nehme jetzt Klavierstunden. Vielleicht werde ich ja einmal so gut wie du. Jetzt steh nicht einfach da. Komm näher, ich will dir etwas zeigen. Schau nicht so. Ich reiße dir schon nicht den Kopf ab.“
Herr Kühne war sich nicht sicher, ob ihm Petras neue musikalische Ader gefiel. Dagegen stand fest, dass er sie nur provozierte, wenn er jetzt zu lange zögerte. Er nahm allen Mut zusammen und ging einige Schritte auf ihren Flügel zu. Ein lauter Knall und eine Rauchwolke sorgten dafür, dass er für einen Augenblick nichts mehr sah und hörte. Als sich der Rauch verzogen hatte, hatte Petra ihr rotes Abendkleid gegen ein hautenges Lederkostüm eingetauscht und starrte ihm wütend ins Gesicht.
„UND ER IST TATSÄCHLICH DARAUF REINGEFALLEN! MANCHMAL FRAGE ICH MICH, OB DU DREIST, ODER EINFACH NUR BESCHEUERT BIST! ICH HABE DOCH GESEHEN, WIE DU IHR WIEDER SCHÖNE AUGEN GEMACHT HAST! DU BRAUCHST MIR NICHTS ZU ERZÄHLEN! DIESMAL KANNST SOGAR DU DICH NICHT HERAUSREDEN! STIRB!“, donnerte Petra.
Sie begann, wild zu gestikulieren und erweckte damit ihr riesiges Instrument zum Leben. Herr Kühne sah voller Schrecken mit an, wie der glänzende Deckel des Flügels aufsprang und darunter ein gigantisches Maul mit rasiermesserscharfen Zähnen entblößte. Er konnte sich nicht rühren und brachte kein Wort heraus, während das Konzertflügelmonster mit einem raubtiergleichen Satz auf ihn zuhechtete. Herr Kühne schloss die Augen und bereitete sich darauf vor, dass es ihn mit einem einzigen Happen verschlang. Für einen kurzen Augenblick hatte er den Geschmack im Mund, als habe er in einen alten Riegel Pfefferminzbruch gebissen. Er beschloss, es als Zeichen aufzufassen, dass er zerfleischt worden und gestorben war.
Als er die Augen wieder öffnete, waren Petra und ihr Mörderinstrument verschwunden, während er selbst begonnen hatte, durch die Milchstraße zu schweben. Als er die malerische Aussicht für eine Weile genossen hatte, begann er sich allmählich die Frage zu stellen, ob er wirklich gestorben war oder nicht. Sekunden später beschloss die mysteriöse Stimme, Herrn Kühne erneut heimzusuchen. Diesmal hatte er das Gefühl, dass sie jede einzelne seiner Körperzellen zum Widerhallen brachte.
„MAN FASST ES NICHT, WIEDER JEMAND, DER EINFACH NICHT AUFPASSEN KANN. DAS WAR ETWAS ZU KNAPP, WENN DU MICH FRAGST!“
„Bin ich tot?“, fragte Herr Kühne leise. Seine Stimme klang, als käme sie vom anderen Ende des Universums.
„NATÜRLICH NICHT! DAFÜR BIST DU NOCH EIN KLEINES BISSCHEN ZU LEBENDIG, FINDEST DU NICHT?“
„Wenn ich nicht tot bin, dann … hast du mich also gerettet?“, fragte Herr Kühne.
„DAS WILL ICH MEINEN! ICH SAGE ES DIR NICHT GERNE, ABER: WENN DU JETZT GEHEN MÜSSTEST, WÄRE DAS FATAL! DENN WENN ICH SAGEN WÜRDE, DASS DU BISHER ETWAS NENNENSWERTES ERREICHT HAST, WÄRE DAS EINE DICKE, FETTE LÜGE. UND AN DICH ERINNERN? DAS WIRD SICHERLICH KAUM JEMAND TUN!“
Herr Kühne wollte eigentlich lauthals protestieren, doch er spürte, dass er nicht die Kraft dazu hatte.
„ALLERDINGS: WENN DU NICHT WILLST, DASS ES SO BLEIBT, DANN MUSS ES NICHT SO BLEIBEN! UND ICH WEISS, DASS DU ES NICHT WILLST! ICH KENNE DEIN GEHEIMES VERLANGEN UND WEISS, WIE ES WIRKLICHKEIT WERDEN KANN! ERWEISE DICH WÜRDIG UND ICH, DER MÄCHTIGE ABACABA, HELFE DIR DABEI!“
„Was muss ich tun?“, presste Herr Kühne mit letzter Kraft hervor, während er spürte, wie er sich Stück für Stück in Luft auflöste.
„DU MUSST MIR BEWEISEN, DASS DU ES VERDIENST. DU UND NIEMAND ANDERS. UND ZWAR, INDEM DU …“
Der auch die entlegensten Winkel des Kosmos erfüllenden Stimme gelang es jedoch nicht, ihre Ansprache zu vollenden. Schuld daran war das Geräusch von Herrn Kühnes Wecker, das sie von einem auf den anderen Augenblick auslöschte.
Hinterlasse einen Kommentar