Die Obstschale am Morgen

Herr Kühne durchforstete den Küchenschrank nach den Eierbechern und goss sich Kaffee ein, während Petra die Vollendung von vier winzigen, vorgebackenen Croissants im Backofen beaufsichtigte. Als sie mit dem Bräunungsgrad zufrieden war, verabschiedete sie sich für einen Augenblick ins Bad.

Herr Kühne und die Obstschale
6
Herrn Kühne fiel nichts Besseres ein, als währenddessen aus dem Fenster zu starren, obwohl es dort praktisch nichts zu sehen gab. Die hell erleuchtete Küche kam ihm dabei vor wie eine Lichtinsel in der Novembermorgendunkelheit, die außer den Straßenlaternen vor dem Fenster alles andere in sich aufzusaugen schien. Er vernahm das Geräusch der Badezimmertür und spürte kurz darauf Petras Blick im Nacken. Petra beförderte die zerbrechlichen Teigklümpchen auf einen Teller und setzte sich an den Küchentisch.
            „Du bist so ruhig. Ist alles in Ordnung im Büro?“ Sie nahm sich ein Croissant und verteilte einen Löffel Hagebuttenmarmelade darauf. Herr Kühne wollte zwischen zwei Bissen versichern, dass es keinen Grund zur Besorgnis gäbe, doch er bekam kein Wort heraus. Petra fixierte ihn nur kurz mit einem prüfenden Blick und widmete sich dem Rest ihres schmächtigen Frühstückshörnchens.
            „Nein, da ist alles wie immer und alles bestens“, brachte Herr Kühne endlich hervor, als er seine Käsesemmel heruntergeschlungen hatte. Er zog in Erwägung, Petra in sein Hirngespinst von letzter Nacht einzuweihen, entschied sich jedoch dagegen.
            „Ich habe nur nachgedacht und ich dachte mir …“, fuhr Herr Kühne fort. Petras kugelige, blaue Augen wurden für einen Moment noch blauer und kugeliger.
            „Du wolltest doch immer nach Rio de Janeiro. Die Kaffeeplantagen fotografieren und die Aussicht vom Zuckerhut“, schob er schnell nach, bevor es ihr gelang, ihm ins Wort zu fallen. „Ich habe mich mit einem Kollegen darüber … unterhalten und – warum fahren wir bei der nächsten Gelegenheit nicht einfach hin? Ich weiß doch, dass du …“, fuhr Herr Kühne fort und brachte seinen Satz nicht zu Ende, denn Petra beförderte ihre Teetasse mit einem Ruck auf den Tisch, dass die Hälfte des Inhalts auf ihr Handgelenk schwappte.
            „Ich weiß wirklich nicht, was heute in dich gefahren ist“, fauchte Petra. „Und wenn du mich für dumm verkaufen willst, hast du dich dabei auch schon besser angestellt. Mit dem Schiff braucht man dafür einen halben Monat, hin und zurück! So viel Urlaub am Stück gibt mir Ralf bis zum Sankt Nimmerleinstag nicht!“ Petras Gesicht hatte jetzt eine mortadellafarbene Tönung angenommen und ihr rechter Nasenflügel zuckte wie meistens, wenn sie in Fahrt war.
            „Wenn ich wenigstens ausreden dürfte, hätte ich dir auch gesagt, dass Micks Freundin dieses Jahr erfolgreich eine Therapie …“ begann Herr Kühne.
            „Und ich lasse dich garantiert nie wieder ausreden, wenn du mir noch einmal mit einem solchen Humbug ankommst!“ Sie fuchtelte jetzt mit ihrem Buttermesser in der Luft herum. „Meine Flugangst ist nicht psychosomatisch, sondern erblich bedingt. Wenn du dich jemals darum geschert hättest, wüsstest du auch, dass es mir Doktor Stoll, Doktor Jansen und Doktor Laukemann alle bestätigt haben. Und wenn du darauf bestehst, sagen sie es dir gerne auch selbst. Aber ehrlich gesagt wundert mich gerade am meisten, dass von deiner Seite auf einmal dafür Interesse kommt. Sonst habe ich immer das Gefühl, ich könnte mit einer Wand reden, wenn es mal um mich geht. Und ich frage mich auch wirklich …“
Petra hatte anscheinend den Faden verloren und starrte auf das Blumenmuster auf der Tischdecke, als hätte sie noch nie etwas Ähnliches gesehen. Die Rücklichter eines auf der Straße vorbeirauschenden Wagens streiften die Karaffe mit Orangensaft neben dem Brotkorb und ließen sie für einen Sekundenbruchteil aussehen, als bestünde sie aus roter Götterspeise.
            „Ich muss los. Bis heute Abend dann“, flüsterte Petra, nachdem sie mit einem einzigen Schluck ihren grünen Tee geleert hatte. Sie stand auf, nahm sich eine Banane aus der Obstschale und stolzierte mit hohen, staksigen Schritten in den Flur.
Herr Kühne begutachtete noch einen langen Moment das Bananenbündel, das auf den Boden der Glasschale gekullert war und ihr dabei ein klingelndes Geräusch entlockt hatte.
 
            „Abacaba“, brabbelte er und beschloss, dass trotz allem noch nicht aller Tage Abend war.
 
7
Stefanie umklammerte ihren Telefonhörer wie eine Stange Dynamit und sprach mit einem beunruhigenden Beben in ihrer Stimme. Dabei schnitt sie angestrengte Grimassen in die Richtung des kleinen Gummibaums in der Mitte des Büros, als habe ihr die unschuldige Pflanze etwas getan.
            „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass er tobt. Ja, Herr Dr. Habermeyer tobt“, beteuerte Stefanie. „Er ist vor allem mit der Gestaltung und der Druckqualität sehr unzufrieden. Wie bitte? Nein, Herr Dr. Habermeyer ist nicht zufrieden. Ja, es gibt mehrere Gründe. Zum einen … hören Sie? Ich habe gesagt, zum einen …“
Herr Kühne nahm an, dass Stefanie gerade den Verantwortlichen für die nur halb abgedruckte Anzeige im letzten „Harmonische Wohnlandschaften“-Magazin ins Kreuzverhör nahm. Es dauerte allerdings nur wenige Augenblicke, bis er ihr nicht mehr folgen konnte. Er gab zu, dass ihn gerade mehr beschäftigte, ob er auf Jörgs SMS antworten sollte oder nicht. Er las sie erneut und hoffte, dass ihn niemand dabei ertappte.
            „bei flugverspätung reinkarnation klingt nicht schlecht allerdings würde ich vielleicht überprüfen lassen ob du nicht eine besondere form von legasthenie hast lach“, hatte Jörg ihn aufgezogen. Je öfter Herr Kühne seine Nachricht las, desto mehr störte ihn, dass Jörg kaum besser als ein Mittelschüler schrieb. Er nahm sich vor, jetzt mit gutem Beispiel voranzugehen.
            „Ich wollte es dir erst gar nicht sagen. Ich hatte Angst, du denkst, ich wäre völlig durchgeknallt“, antwortete er und hoffte erneut, dass es niemand sah.
            „das ist schon ok solange du nicht auf die idee kommst dich spontan reinkarnieren zu lassen“, kam Jörgs Antwort wie aus der Pistole geschossen. Herr Kühne bekam Herzklopfen. Um sich zu beruhigen, lauschte er dem monotonen Geräusch von Inas Fingerkuppen auf der Tastatur, da Stefanie vorerst verstummt war.
            „mach dir keine sorgen ich glaube nicht dass es jemanden gibt, der sich das nicht schon einmal gewünscht hat lach“, ergänzte Jörg nur wenige Augenblicke später und ersparte es Herrn Kühne damit, sich jetzt rechtfertigen zu müssen. Danach schrieb Jörg vorerst nichts mehr.
            „Und du auch?“ Herr Kühne betätigte mit dem Daumen die Sendetaste und spürte sofort, wie es ihn siedend heiß überlief.
            „lach ich sage nichts ohne meinen anwalt ich muss jetzt los noch frohes schaffen und bis dann“
Herr Kühne entschied, dass Jörg seiner Frage ausgewichen war wie ein echter Feigling und deswegen keine Antwort verdiente. Er musterte Stefanie und Ina, die keine Notiz von ihm zu nehmen schienen.
            „Kurz gesagt: Wir werden möglicherweise überdenken, ob wir noch ein weiteres Mal mit Ihrer Publikation zusammenarbeiten werden“, näselte Stefanie und rollte so stark mit den Augen, dass Herr Kühne überzeugt war, das mahlende Geräusch ihrer rotierenden Pupillen zu hören.
Er überprüfte wieder sein Postfach, ob ihm Mick endlich seine Pläne für die Mittagspause mitgeteilt hatte. Als die Uhr am rechten unteren Rand seines Bildschirms auf elf Uhr umgesprungen war, zwang er sich, die Recherche über die besten Feigenbaumarten für schattige Büros in Angriff zu nehmen, die er bereits seit gestern Nachmittag vor sich herschob.

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