Vera Morganova

„Hast du übrigens schon gehört? Durch unsere firmeninternen Buschtrommeln weiß ich, dass Timo deine Chefin und Arno überzeugen will, ihn zur Interior Design Show in Toronto fahren zu lassen. Ich weiß nicht, wie du darüber denkst, aber ich kann ihm nur viel Glück dabei wünschen“, spottete Mick und fischte mit geschickten Fingern zwei Laugenstangen aus…

Mein Roman „Herr Kühne macht blau“: Vera Morganova

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… dem Gebäckregal. Herr Kühne musste miterleben, wie ihm seine große Packung Sushi mit Gurke und Ei durch die Finger rutschte wie ein Beutel lebendige Regenwürmer. Herr Kühne musste miterleben, wie ihm seine große Packung Sushi mit Gurke und Ei durch die Finger rutschte wie ein Beutel lebendige Regenwürmer.

            „Du kannst es gerne versuchen, aber ich glaube nicht, dass das Zeug besser schmeckt, wenn du den Boden damit aufwischst“, mokierte sich Mick und begab sich mit festen Schritten zur Kühltheke.

            „Sehr witzig“, grollte Herr Kühne. Er ging zurück zum Kühlregal, legte seinen deformierten Kauf hinein und nahm sich eine frische Portion.

            „Wie dem auch sei, ich kann mir schon vorstellen, dass Miriam an einem Bericht über die Messe interessiert wäre“, fuhr Mick fort. „Die Sache mit dem Hinfliegen, den Hotelkosten und dem ganzen Rest sieht deine werte Chefin aber garantiert anders. Nicht dass die Idee an sich schlecht wäre. Ich weise da nur auf Arnos gefürchtetes ‚Projekt Zielgruppenerweiterung‘ hin. Und wenn du mit deinen Kolleginnen beim Ausformulieren und Korrekturlesen etwas nachhilfst, kommt dabei auch bestimmt etwas heraus, das auch Miriam lesen würde. Und bestimmt auch viele weitere, kleine Miriams. Aber du weißt, wie sie mit ihrem heiligen Marketing-Budget umgeht“, stichelte er.

Herr Kühne öffnete den Mund und machte Anstalten, die Lippen zu bewegen. Allerdings blieb es dabei. Anschließend fiel ihm nichts Besseres ein, als vor dem Obstregal stehenzubleiben und die giftgrünen, glänzenden Äpfel im Sonderangebot zwischen den Bananen und den Nektarinen zu mustern.

            „Ist was? Hast du wieder nicht geschlafen? Oder hat dir mein brandaktueller Flurfunkreport mal wieder die Sprache geraubt?“, fragte Mick.

            „Also, meiner Meinung nach, also ich würde sagen …“, begann Herr Kühne und blieb mitten im Satz stecken. Mick warf ihm einen prüfenden Blick zu, während er selbst sich eine Packung geschnittenen Edamer in seine Jutetüte beförderte.

            „Ja, du würdest sagen? Ich bin ganz Ohr“, sagte Mick.

            „Also ich würde argumentieren, dass wir von den meisten unserer Leser definitiv erwarten dürfen, einen solchen Mehraufwand zu honorieren. Dazu … wäre ein gut ausgearbeiteter Exklusivbericht von der weltgrößten Innenausstattungsmesse ein definitives Alleinstellungsmerkmal, wenn du mich fragst“, brachte Herr Kühne schließlich heraus. Er griff sich eine Flasche Orangensaft aus dem Regal, wobei ihm die seltsam grünliche Farbe ihres Inhalts erst einen Moment später auffiel. Er beschloss, sie vorerst durch den fahlen, synthetischen Schimmer der Neonleuchten an der Decke zu rechtfertigen.

            „Das weiß Miriam sicher auch. Und weiter?“ Mick war mit verschränkten Armen stehengeblieben.

            „Dass sich unsere direkten Mitbewerber nicht mehr Mühe geben wollen, als von den üblichen Quellen abzuschreiben, weiß aber nicht nur Miriam. Das sieht ein Blinder mit Krückstock. Und ich sehe nicht ein, dass wir es unseren Mitbewerbern nachmachen müssen“, fuhr Herr Kühne fort und sprach dabei zur Hälfte zu Mick und zu der Flasche mit der undefinierbaren, trüben Flüssigkeit, die er zwischen den Fingern hielt.

            „Und weiter?“, fragte Mick.

            „Denn wenn wir als Einzige unseren Lesern einen solchen Exklusivvorteil bieten würden, hätten wir nicht nur einen neuen Hebel zur Kundengewinnung, sondern auch zur Kundenbindung in der Hand. Das heißt, wenn man Miriam ein wenig nach dem Mund reden wollte, natürlich“, ergänzte Herr Kühne. Er stellte den Saft zurück und entschied sich für ein Konkurrenzprodukt mit einer attraktiveren Farbe.

            „Nach dem Mund reden hin oder her, du solltest ihr das eigentlich genau so unter die Nase reiben. Dann lässt sie ja vielleicht dich hinfliegen“, raunte Mick und übertönte damit nur mit Mühe und Not die Geräuschkulisse aus einer schmachtenden Ballade im Radio und dem Gezeter einer Gruppe Schulkinder an der Kasse. Herr Kühne war für einen Augenblick überzeugt, dass er sich verhört hatte, weil solche warmen Worte Mick wirklich nicht ähnlich sahen. Er dachte angestrengt nach, ob er es wirklich geschafft hatte, Mick zu beeindrucken und kam zu keinem Ergebnis. Stattdessen gab er dem hartnäckigen Verlangen in seinem Magen nach und steuerte mit festen Schritten auf die Süßwarenabteilung zu.

            „Ich weiß, was du vorhast, ich gehe dann schon mal zur Kasse. Wolltest du dir aber nicht auch Orangensaft holen?“, fragte Mick.

Herrn Kühne fiel erst jetzt auf, dass er seine Flasche auf einer Palette Pralinenschachteln zurückgelassen hatte. Er hatte sie wohl dort abgestellt, als er seinen Mantel nach seiner Geldbörse durchsucht hatte.

            „Wenn du mich nicht hättest!“, griente Mick, bevor es Herrn Kühne gelang, sich zu rechtfertigen. „Wenn ich Petra wäre, hätte ich allmählich Angst, du vergisst, morgens deinen Kopf aufzusetzen und kommst abends mit einem anderen nach Hause“, fuhr Mick fort. Er tippte mit dem Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand an sein stoppeliges Kinn, als sei es zu heiß, um es über längere Zeit anzufassen. Herr Kühne wollte sich wehren, aber er wusste beim besten Willen nicht, wie.

            „Ach übrigens: Du summst gerade“, fuhr Mick fort und deutete auf Herrn Kühnes linke Manteltasche, aus der ein lautes Brummgeräusch erklang.

Herr Kühne begann einen halbherzigen Versuch, seine Einkäufe auf einem Arm zu balancieren und gab schnell auf. Er beschloss, entweder an der Kasse, zurück im Büro oder am besten gar nicht nachzusehen, wer ihn jetzt schon wieder behelligen musste.

            „Wenn es Petra ist, grüß sie bitte recht schön von mir. Also bis gleich“, grinste Mick und beeilte sich, um die Schlange an der Kasse noch vor der morgendlichen Rentnerwelle zu erreichen.

Herr Kühne sah ihm kurz nach und stellte sich anschließend der Herausforderung, sich für eine Schokoriegelsorte zu entscheiden.

9

            „Willkommen, ich dachte, du kämst heute gar nicht mehr. Was hat deine Holde geschrieben? Aber setz dich erst. Und sei dabei gerne so kreativ wie du willst.“ Mick ließ seine rechte Hand über den menschenleeren Pausenraum schweifen.

            „Wenn ich es gelesen hätte, könnte ich deine Frage sicher beantworten. Vielleicht heute Nachmittag“, brummte Herr Kühne. Er nahm auf dem Barhocker neben Mick Platz und beförderte seinen Teller auf die winzige Tischplatte.

            „Ja, du hast absolut recht, es klingt wirklich, als wäre alles in bester Ordnung bei euch beiden. Wie konnte ich je daran zweifeln?“, zog Mick Herrn Kühne auf. Er wickelte fachmännisch eine Laugenstange in eine Scheibe Schnittkäse und biss hinein.

            „Und du findest wirklich nicht, dass du gelegentlich ein wenig übertreibst?“, fragte Herr Kühne.

            „Das sei dahingestellt. Aber Marketingmenschen wie du würden deinem Verhalten vielleicht eine problematische Außenwirkung zuschreiben, wenn es um deine bessere Hälfte geht“, antwortete Mick und nahm einen weiteren Bissen.

            „Du weißt hoffentlich, dass kein Marketingmensch mit mehr als drei Tagen Berufserfahrung jemals das Wort problematisch in den Mund nehmen würde. Und was meine bessereHälftebetrifft …“, murrte Herr Kühne.

            „Oh je, wenn man vom Teufel spricht. Du kannst gerne auf mich warten. Wenn ich in diesem Jahrtausend nicht wiederkommen sollte: Meine Laugenstangen gehören trotzdem mir!“ Mick griff sich sein lärmendes Telefon vom Tisch und verschwand im Flur.

Herr Kühne gehorchte und wartete. Er musterte abwechselnd seine große Portion Sushi mit Gurke und Ei und die in schmutzigen Erdtönen gehaltene Häuserfassade gegenüber, in deren düsteren Fensteröffnungen sich auch heute keine Bewohner blicken ließen. Als Mick auch nach zehn Minuten nicht wiedergekommen war, stand Herr Kühne auf, beförderte sein unangetastetes Mittagessen in den Kühlschrank und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück.

            „Gut, dass du da bist, Herr Beierlein hat dich eben angerufen“, nuschelte Stefanie halblaut, ohne von ihrem Bildschirm aufzusehen.

            „Herr Beierlein? Hat er irgend etwas gesagt?“ fragte Herr Kühne, während seine Gedanken plötzlich wieder zu Petras SMS wanderten, die er seit einer Viertelstunde zu ignorieren versuchte.

            „Nur, dass er jetzt in die Mittagspause geht. Er meinte, er müsste um halb Zwei wieder zurück sein. Und nur wenn du heute Zeit hast, natürlich. Wenn du es heute nicht schaffst, ist morgen auch kein Problem.“

            „Hat er etwas zu meinem Beitrag über Zimmerpalmen für sein niveauloses Käseblatt gesagt?“

            „Nein, nur das.“ Sie nahm einen Bissen von ihrem winzigen Roggensandwich mit krausen Salatblättern und einer undefinierbaren, fleischfarbenen Sauce. Danach platzierte sie es mit spitzen Fingern auf einem winzigen Porzellanteller am äußersten Rand ihres Schreibtischs.

Herr Kühne musste plötzlich an den „Tanz der vier kleinen Schwäne“ von Tschaikowsky denken, für den er als fünfzehnjähriger Klavierschüler nie genügend Fingerfertigkeit gehabt hatte. Trotzdem hatte das Stück, mit dem er seinen Lehrer Woche um Woche enttäuscht hatte, sein Interesse für die melodische Molltonleiter geweckt. Bis heute war ihm kaum eine Klangfarbe begegnet, die ihn dermaßen beruhigte. Herr Kühne schloss die Augen und malte sich aus, wie er die melodische Molltonleiter auf einem blitzblank polierten Konzertflügel langsam drei Mal von unten nach oben und drei Mal von oben nach unten durchspielte. Er stellte zufrieden fest, dass sich sein Herzklopfen und sein flaues Gefühl im Magen allmählich verflüchtigten. Er holte tief Luft und begann seinen Beitrag über die 20 dekorativsten Kakteenarten für dunkle Büros aufzusetzen, den er bereits seit heute früh vor sich herschob.

Als der Schwanentanz in seinem Kopf allmählich verstummte, fasste Herr Kühne den Entschluss, sich selbst nichts mehr vorzumachen. Realistisch gesehen kam er sowieso nicht daran vorbei, sich mit Petras neuester Laune herumzuschlagen und dafür wertvolle Lebenszeit zu opfern. Und je früher er damit begann, desto eher kam er hoffentlich noch glimpflich davon.

Er stand auf, ging mit festen Schritten zur Garderobe, fischte sein Handy aus seinem Mantel und rechnete mit allem. Trotzdem verhinderte er nur im letzten Moment mit einer akrobatischen Einlage, dass es ihm auf das fleckige Parkett fiel.

            „Ist alles in Ordnung bei dir? Falls nicht, sage ich gerne den freundlichen Herren mit den bequemen Jacken Bescheid“, säuselte Stefanie neben ihm und warf ihm einen abschätzigen Blick zu.

            „Danke nein, wie du siehst, habe ich es hier schon bequem genug“, stotterte Herr Kühne und starrte auf die durchgängig in Großbuchstaben gehaltene Botschaft, die nicht von Petra, sondern einer unbekannten Nummer gekommen war.

            „HALLO DU GEILER, BÄRTIGER HENGST, 
ICH HABE DEIN PROFIL GESEHEN
DEINE BLONDE MÄHNE MACHT MICH EINFACH TOTAL AN
MEIN MANN IST BIS FREITAG AUF GESCHÄFTSREISE
RUF MICH AN ICH VERZEHRE MICH NACH DIR
VERA MORGANOVA“

Herr Kühne klopfte das Herz bis zum Hals und er hoffte, dass man es ihm nicht ansah. Es gelang ihm immerhin wieder, nur für sich allein die leichtfüßige Melodie von „Der Tanz der vier kleinen Schwäne“ heraufzubeschwören. Diesmal beruhigte sie ihn allerdings kaum noch, weil sie sich nach kurzer Zeit in eine irritierende Endlosschleife aus wenigen Tönen gegen Ende des Stücks verwandelte. Er spürte, wie sich allmählich Schweißtropfen auf seiner Stirn bildeten und er beschloss, die leiernde Tonfolge aus seinem Kopf zu verbannen. Herr Kühne versuchte angestrengt, sich zu erinnern, wo er stehengeblieben war. Er hatte sich vermutlich mit etwas beschäftigt, für das ihn Arno bezahlte. Er kam jedoch beim besten Willen nicht darauf, was es war.

Wenn Herr Kühne ehrlich zu sich selbst war, hatte sich die Absenderin der SMS entweder im Empfänger geirrt, oder es gab sie gar nicht. Eventuell traf auch beides zu. Immerhin war er nicht auf den Kopf gefallen. Wie jeder, der mit offenen Augen und Ohren durch die Welt ging, wusste er, dass die Polizei offiziell vor ähnlichen Betrugsversuchen warnte und er wusste, dass Kriminelle aus Osteuropa damit überwiegend vermögende, ältere Männer ins Visier nahmen. Dennoch kreisten seine Gedanken bis Feierabend um die verdächtige Liebeserklärung, die ihn aus heiterem Himmel heimgesucht hatte.

Nach der Redaktionskonferenz am Nachmittag begann er verstohlen eine Recherche nach einer Liebesbetrügerin namens Vera Morganova mit einer Vorliebe für bärtige Hengste, blonde Mähnen und Großbuchstaben. Das einzige Ergebnis seiner Ermittlungen war, dass es kein Ergebnis gab. Nach einer Stunde beschloss Herr Kühne, aufzugeben, da sich auch die entfernteste Spur im Sande verlief. Immerhin blieb ihm die Gewissheit, dass er sein Möglichstes getan hatte.

Er las die dubiosen Zeilen erneut und musste einen Augenblick schmunzeln, weil kein einziges von Veras Komplimenten auch im Entferntesten angemessen war. Er war weder blond, bärtig noch Besitzer einer Mähne. Genauso wenig hatte er jemals behauptet, dass er auch nur ein einziges dieser Merkmale besaß. Sich für jemanden wegen drei Eigenschaften zu verzehren, von denen dieser Jemand in Wirklichkeit keine einzige besaß, musste schon ein seltsames Gefühl sein, fand Herr Kühne. Von seinem für morgen fälligen Artikel schaffte er nur acht Zeilen und fing sich dazu noch den einen und anderen strengen Blick von Stefanie ein.

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