Blonde Haare, blaue Augen

Auch am nächsten Morgen musste Herr Kühne an die rätselhafte Botschaft von Vera Morganova denken. Einerseits kam es ihm jetzt immer weniger wahrscheinlich vor, dass sich dahinter ein Absender aus Fleisch und Blut verbarg. Andererseits gab es in seinem Kopf wohl etwas Hauchzartes, Formbares, Fragiles, das der Wahrheit noch nicht ins Auge sehen konnte.

Blonde Haare, blaue Augen
Von Johannes Schaack, 2023/2024

10.

In der vergangenen Nacht hatte er geträumt, dass er sich mit Vera in dem griechischen Restaurant in der Parkstraße verabredet hatte. Petra hatte er vorgelogen, dass er Überstunden machte und sie hatte es ihm anstandslos geglaubt. Er hatte sich mit einer blonden Perücke, blauen Kontaktlinsen und einem angeklebten Bart verkleidet und Vera hatte ihn kurz zuvor noch informiert, dass sie mit einer dunklen Sonnenbrille und einem Strohhut erscheinen würde. Das skurrile Traumgebilde hatte sich kurz vor Veras Ankunft in Luft aufgelöst, als ein ungeschickter Kellner, der eine große Schale Tsatsiki trug, über eine Falte im Teppichboden gestürzt war.

Petra schien von allem nichts bemerkt zu haben. Dabei hatte er so stümperhaft überspielt, dass ihn etwas beschäftigte, wie eh und je. Üblicherweise roch sie den Braten und warum sie es diesmal nicht getan hatte, war ihm ein Rätsel. Ihm selbst war nicht entgangen, dass sie in letzter Zeit wieder in ihrem Atelier ihre alten Vogelatlanten betrachtete, während er vor dem Fernseher saß. Sie tat es üblicherweise nur, wenn es auf der Arbeit nicht gut lief oder sie etwas anderes bedrückte. Er hatte sie nicht darauf angesprochen und konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sie ihm dafür unendlich dankbar gewesen war.

Warum er um genau 10 Uhr und 40 Minuten tat, was er tat, konnte er nicht sagen. Er malte sich aus, dass er es wohl auch noch nicht wissen würde, wenn eines Tages sein Leben davon abhängen sollte.

            „Ich fühle mich geehrt. Aber ich glaube, Sie verwechseln mich“, tippte er als Reaktion auf den Liebesbeweis, dessen Absender es wohl nicht gab, und schickte seine Antwort ab.

Er warf einen verstohlenen Blick auf Stefanie und Ina, die mit konzentriertem Blick auf ihre Bildschirme starrten. Er stand auf, ging zum Kleiderständer und ließ sein Handy in seinem Mantel verschwinden, damit er es eine Weile nicht sehen musste. Auf dem Rückweg zu seinem Schreibtisch entging er nur im letzten Moment dem Blickkontakt mit der grellen Vormittagssonne, die plötzlich durch das Fenster hineinbrach, indem er sich hinter der riesigen Zimmerlinde in der Mitte des Büros verschanzte. Es dauerte einen langen Augenblick, bis er sich wieder traute, die Augen zu öffnen. Er beobachtete fasziniert, wie er jetzt den Staub in der Luft vor dem Fenster tanzen und die Fingerabdrücke auf den Bürotischen glänzen sah. Die Adern in den herzförmigen Blättern vor seiner Nase sahen aus wie Gräten eines außerirdischen Fischwesens.

            „Morgen, hast du kurz eine Sekunde Zeit?“ Miriams Kopf war im Türspalt aufgetaucht. „Ach ja, und ich freue mich zwar, dass du deinen grünen Kollegen dermaßen schätzt, aber seine Schönheitspflege darfst du ruhig unseren Reinigungskräften überlassen“, fuhr sie fort. Sie musterte Herrn Kühne kurz und ließ einen ihrer berüchtigten, wiehernden Lacher folgen, mit denen sie üblicherweise zum Ausdruck brachte, dass sie verlegen war. Es kam Herrn Kühne oft so vor, als ob sie sich selbst ein wenig dafür schämte, aber eben nicht aus ihrer Haut konnte.

Herr Kühne brachte seinen Gehorsam durch ein undefinierbares Grummeln zum Ausdruck. Er folgte Miriam mit unbeholfenen Schritten in die Abstellkammer, in die sie immer auswich, wenn alle Besprechungsräume belegt waren.

            „Ich muss mich bei dir vorab entschuldigen, weil ich hier vielleicht aus einer Mücke einen Elefanten mache und zu viel auf unseren Flurfunk gebe. Aber ich wollte die Sache dennoch ansprechen“, sagte Miriam und gab sich Mühe, die Tür so leise wie möglich zu schließen.

            „Gut, dass du mir das sagst. Also. Wann muss ich mit der Kündigung im Briefkasten rechnen?“, fragte Herr Kühne und verdrehte die Augen.

            „Das kannst du mich noch einmal fragen, wenn deine Witze nächstes Jahr nicht besser werden, du Scherzkeks.“ Sie musste wieder lachen. „Also, hör zu: Ich werde nicht sagen, woher ich es weiß, denn das wäre beiden Seiten gegenüber unfair. Aber ist es wahr, dass du gerne Ende Januar aus Toronto berichten würdest?“

            „Also ich …“, begann Herr Kühne und wusste vorerst nicht weiter.

            „Ich sage es dir noch einmal: Das ist kein Vorwurf. Aber du musst schon Verständnis dafür haben, dass ich es auch von dir hören will.“

            „Also, ich bin der Meinung … wir dürfen definitiv erwarten, dass unsere Leser einen solchen Mehraufwand honorieren. Dazu … wäre ein gut ausgearbeiteter Exklusivbericht ein definitives Alleinstellungsmerkmal“, stotterte Herr Kühne und hoffte, dass ihn auf dem Flur wirklich niemand hörte.

            „Dass sich unsere direkten Mitbewerber nicht mehr Mühe geben wollen, sieht doch auch ein Blinder mit Schlafrock, ich meine, Krückstock“, fuhr er fort. „Ich sehe aber nicht ein, dass wir es ihnen nachlachen, das heißt nachmachen müssen. Und wenn wir als Einzige unseren Lesern einen solchen Exklusivvorteil bieten können, hätten wir nicht nur einen neuen Hebel zur Kundengewinnung, sondern …“

            „Ich finde, dass du das MarketingPotenzial eines Exklusivberichts eben wirklich gut auf den Punkt gebracht hast. Und vielleicht kannst du dir auch denken, dass ich exakt derselben Meinung bin wie du“, unterbrach ihn Miriam.

Für kurze Zeit war nur das näselnde Rauschen des Straßenverkehrs zu hören, bis es allmählich dem Bassgewitter eines bis zum Anschlag aufgedrehten Autoradios wich. Miriam stand auf und schloss das Fenster.

            „Hast du denn schon mit Stefanie darüber gesprochen?“, schob sie nach. Herr Kühne teilte ihr mit knappen Worten mit, dass er mit Stefanie noch kein Sterbenswörtchen gewechselt hatte.

            „Aber hiervon abgesehen wärst du also bereit, dich zu verpflichten, dass du mit Timo nach Toronto fliegst, und während er mit Netzwerken und Kundenakquise beschäftigt ist, Material für einen Bericht über die Messe sammelst.“ Sie sah ihn fragend an, obwohl ihre Worte wie eine Feststellung klangen.

            „Ja, wenn das in Ordnung ist, dann wäre ich das.“ Herr Kühne gab sich Mühe, seiner Stimme so viel Überzeugungskraft wie möglich zu verleihen, ohne den Eindruck zu erwecken, dass er übertrieb. Sie wollte bereits antworten, doch ein Summen in ihrer schwarzen Strickweste hielt sie davon ab.

            „Entschuldige mich bitte ganz kurz.“ Miriam ging an ihr Telefon und verschwand im Flur. Weniger als eine Minute später kam sie zurück. Herr Kühne hatte von ihrem Anruf nur Gemurmel und ein paar Wortfetzen gehört, doch er konnte sich zusammenreimen, dass es um ihre vierjährige Tochter und ihre Kindergartengruppe ging.

            „Also, wo waren wir stehengeblieben?“, fragte Miriam. Sie sah plötzlich todmüde aus.

            „Genau hier. Setzen können wir uns sowieso nicht“, antwortete Herr Kühne.

            „Weißt du noch? Ich erhoffe mir bessere Witze von dir. Nicht das Gegenteil.“ Ihr entwich wieder einer ihrer lauten, schrillen Lacher. Einen Sekundenbruchteil später klappten ihre dünnen, geschwungenen Augenbrauen jedoch abrupt nach unten und sie sah wieder aus, als ob ihr jeden Moment die Augen zufallen wollten.

            „Ich wollte dir jedenfalls noch mit auf den Weg geben, dass ich mir in solchen Situationen auch ein wenig mehr Selbstbewusstsein von dir wünschen würde. Ich will dir nicht immer als aus der Nase ziehen müssen, verstehst du?“, fuhr sie fort.

            „Ich verstehe, was du meinst“, sagte Herr Kühne leise.

            „Vielleicht glaubst du es ja wirklich, aber ich muss dich trotzdem enttäuschen: In den Kopf schauen kann ich dir leider noch nicht“, beteuerte Miriam. „Ich muss mich eben darauf verlassen können, dass du zu mir kommst, wenn dich etwas stört oder du sonst etwas auf dem Herzen hast und nicht die ganze Angelegenheit in dich hineinfrisst. Versprichst du mir, dass wir uns einig sind?“ Herr Kühne versprach es ihr.

            „Siehst du? Es geht doch! Allerdings musst du dir im Klaren sein, dass ich dir nicht das Blaue vom Himmel garantieren kann. Ich selbst entscheide nicht, ob du wirklich fliegst oder nicht, das ist einzig und allein Arnos Tanzbereich. Ich versichere dir gerne, dass ich am Montagmorgen ein gutes Wort für dich einlege, wenn er wieder im Büro ist, aber danach sind mir die Hände gebunden.“ Sie zuckte ein wenig zusammen, als sich die Tür der Abstellkammer einen Spaltbreit aufschob und Stefanie ihren Kopf hereinsteckte. Sie war bleich im Gesicht, ihre Augen waren weit aufgerissen und ihr Mund war zu einem schmalen Oval geöffnet. Sie sah aus, als habe sie einen Geist gesehen.

            „Wie ich sehe, fahndet man bereits nach mir“, grinste Miriam. „Ich gehe davon aus, dass wir beide fertig miteinander sind?“ Herr Kühne nickte nur und Miriam stand auf und ließ ihn allein.

Zehn Minuten vor Zwölf rief ihn Mick an und schlug vor, in der neuen Trattoria in der Pirckheimerstraße zu Mittag zu essen, doch Herr Kühne schaffte es, ihm seinen Plan madig zu machen. Er erinnerte ihn daran, dass sich Ina dort vor zwei Wochen eine Portion Cannelloni mit Spinat und Lachs ins Büro bestellt und davon eine milde Magenverstimmung bekommen hatte. Dazu bestand er darauf, dass ihm sein Zeitplan heute ohnehin keine längere Mittagspause erlaubte. Er musste an Vera Morganova denken und war über sich selbst erstaunt. Allem Anschein nach kümmerte es ihn kaum noch, ob sie ihm inzwischen geantwortet hatte oder nicht.

            „UND MICH ZUM LACHEN BRINGEN KANNST DU AUCH NOCH ICH GLAUBE KAUM, DASS MAN DICH VERWECHSELN KÖNNTE SÜSSER VERA“ stand auf dem Bildschirm.

Allerdings hatte Herr Kühne die Rechnung ohne die endlose Telefonkonferenz am Nachmittag gemacht. Arno hatte darauf bestanden, dass er seinen Sonderbeitrag über in Pastellfarben blühende Sukkulenten bereits diesen Freitag ablieferte, ab jetzt wöchentlich eine Presseschau schrieb und dieses Jahr die doppelte Zahl von Kundenbriefen ablieferte. Nur Sekunden, nachdem er aufgelegt hatte, konnte Herr Kühne nicht anders, als sein Telefon aus seiner Manteltasche zu fischen und einen verstohlenen Blick darauf zu werfen. Sein Herz stolperte einen Moment über seine eigenen Füße, obwohl es keine Füße hatte, weil Herr Kühne nicht glauben konnte, was er sah.

            „Zugegeben, ich wäre gerne blond, aber ich muss Sie trotzdem enttäuschen“, schrieb er zurück, als er sich versichert hatte, dass niemand zusah und schämte sich sofort dafür in Grund und Boden.

            „BLONDE HAARE MACHT AUCH BEI MÄNNERN HEUTE JEDER FRISEUR LACH VERA“, lautete die Antwort wie aus der Pistole geschossen und Herr Kühne blieb vor Schreck der Mund offen stehen. Ihm fiel beim besten Willen nicht ein, wie er reagieren sollte. Zum Glück schien auch Vera Morganova ihr Pulver vorerst verschossen zu haben.

Allmählich begann in ihm die Zuversicht aufzukeimen, dass sie ihn jetzt in Frieden ließ, doch ein erneutes Surrgeräusch machte seine Hoffnung zunichte.

            „TREFFEN WIR UNS MORGEN ABEND IM FEENWALD IN DER KÜHNERTSGASSE VERA“, schrieb Vera – oder wer auch immer es war – und schickte einen Sekundenbruchteil später noch hinterher:

            „WENN DU BIS MORGEN UM ZWÖLF UHR MITTAG NICHT BESCHEID SAGST, BIST DU EIN UNGLAUBLICHER FEIGLING LACH VERA“

Herr Kühne lief krebsrot an. Er ließ sein Handy panisch wieder in seiner Manteltasche verschwinden und fing sich erneut einen düsteren Blick von Stefanie ein.

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